Torsten Hartmann

Tote Namen

Von Torsten Hartmann.
Erschienen 2008.

Er wachte auf.
Unsicher blickte er um sich. Bewegen konnte er sich nicht. Es musste morgens sein. Es war bestimmt morgens. Ein kalter Morgen. Er hatte schon eine Menge beschissener Morgen erlebt. Einige mit Kater, einige mit einer Grippe und einige ohne eine richtige Nacht davor. Das hier war bedeutend beschissener.
Er wartete auf sein Leben. Das Leben, das jeden Moment vor seinem inneren Auge vorbeischnellen m├╝sste und ihm mit gedr├╝ckter Bildsuchlauftaste noch einmal die sch├Ânen und harten Zeiten, die s├╝├čen und bitteren Erfahrungen, die gl├╝cklichen und traurigen Momente ins Ged├Ąchtnis rufen w├╝rde. Einen Teufel tat es. Nicht einmal ein Licht war da. Er hatte nie Angst vor dem Tod, hatte sich schon fr├╝h damit abgefunden und sich oft ├╝berlegt, wie es wohl sein w├╝rde. Man erz├Ąhlte sich von grellem Licht, von umh├╝llender W├Ąrme und eben von dem Leben, das wie ein Film noch einmal abgespielt wird. Aber nichts ... schei├če kalt war es und er wurde einfach nur m├╝de. Ihm fielen die Augen zu, wie bei einem Sekundenschlaf oder kurz vor dem Wirken einer heftigen Narkose. Er kannte das Gef├╝hl von seiner Blinddarm OP. Verdammter Mist, dachte er bei sich. Da denkt man sein ganzes Leben dar├╝ber nach, was einen Tolles erwartet wenn man stirbt, und dann f├╝hlt es sich an wie eine beschissene Blinddarm OP.
Er war ein wenig sauer, was man ihm kaum ver├╝beln konnte. Nicht nur wegen des entt├Ąuschenden Gef├╝hls. Es lag auch ein bisschen an der Kugel in seinem Kopf. So richtig gesessen hatte die anscheinend nicht, sonst w├╝rde er sich jetzt nicht so ├╝ber den anstehenden Tod ├Ąrgern.
Gedacht war die Kugel wohl dem Lindern der Leiden, die ihm eine andere Kugel in seinem Bein zuf├╝gte. Als man ihm anbot, seine Leiden zu vermindern, hatte er sich das ein wenig anders vorgestellt. Etwas positiver eben. Mit einer Kugel im Bein vor dem ├Ârtlichen Krankenhaus rausgeschmissen werden oder so etwas in der Art. Wie naiv, dachte er bei sich.
Schei├če kalt war es und nun konnte er seine Augen kaum noch aufhalten. Mit einem gewaltigen Zucken r├╝ttelte er sich wach. Nein, dachte er bei sich. Nein, noch nicht. Wenn er jetzt einfach nicht ans Sterben denken w├╝rde, wenn er sich einfach noch ein Weilchen zusammenrei├čen w├╝rde, dann k├Ânnte vielleicht Hilfe herbeieilen. Mit nur ein wenig Gl├╝ck vielleicht. Er war immer ein Gl├╝ckspilz. Der gl├╝ckliche Zufall war stets sein Begleiter. Wo ist der Rotzbengel, wenn man ihn braucht!?
Vielleicht k├Ânnte er es ja sogar selbst schaffen. Er w├╝rde sich mit letzter Kraft, aber nicht mit allerletzter, auf die Seite werfen und durch die T├╝r zum Gang hinaus robben. Da g├Ąbe es vielleicht irgendwo ein Telefon. Er w├╝rde den Leuten beschreiben wie es um ihn steht, eben recht aussichtslos, und wo er sich aufhielt. Ein gewiefter Polizist w├╝rde vielleicht sogar den Standort des Telefons ausfindig machen k├Ânnen. Dann w├╝rde man einen Notarztwagen bestellen, und gl├╝cklicherweise kannte er sogar seine Blutgruppe, sodass auch die n├Âtigen Blutkonserven da w├Ąren. Man w├╝rde ihn k├╝nstlich beatmen, ihn in eine warme Decke h├╝llen, noch im Krankenwagen seine Wunden behandeln und ihn dann im Krankenhaus operieren. Er w├╝rde dann irgendwann aufwachen und ├╝ber diesen ganzen Alptraum lachen.
Er wachte auf.
Beim Anblick der riesigen Pf├╝tze Blut fragte er sich, ob er wirklich jemals soviel davon in seinem K├Ârper hatte. Wo sollte das ├╝berall gewesen sein. Irre.
Er schlief ein.

Raphael & Benoit

Eine Kneipe. Dunkel. Nur vereinzelt traf Licht auf die sich im Raum befindlichen G├Ąste. Hinter der Theke versuchte der Wirt, ein hochgewachsener Mann mit Halbglatze, verzweifelt im Wettstreit mit der staubigen Luft des Etablissements, seine zahllosen Gl├Ąser mit einem Geschirrtuch zum Gl├Ąnzen zu bringen. Vergebens.
Direkt vor ihm an der Bar sa├čen drei M├Ąnner. Nur zwei davon kannten sich. Einer von ihnen trug eine Sportjacke, eine Brille, hatte w├╝stes Haar und fuchtelte aufgeregt mit den H├Ąnden. Der andere, bekleidet mit einem Flanellhemd ├╝ber einem wei├čen Longsleeve und kurzgeschorenen Haaren, sch├╝ttelte unentwegt ├╝ber seinem Glas Bier den Kopf und winkte bei jeder Bewegung seines Kumpels ab. Sie unterhielten sich offensichtlich angeregt.
Der dritte Mann, ├╝bergewichtig mit aufgequollenem Gesicht und einer sehr sch├Ąbigen Lederjacke bekleidet, starrte leer wie sein Glas auf den Tresen.
Das zwei der drei M├Ąnner in den n├Ąchsten zehn Minuten eines gewaltsamen Todes sterben w├╝rden, wusste nur der Tod selbst. Der sa├č auch in der Kneipe, in einer der dunklen Ecken, allerdings f├╝r niemanden sichtbar. Ein Glas Bier hatte er nat├╝rlich auch nicht.
┬╗Benoit, mein Freund ... das klappt nur im Film┬ź, sagte der Kurzhaarige und hatte immer noch nicht aufgeh├Ârt abzuwinken. ┬╗Ne ... das hat nix mit Hollywood zu tun┬ź, entgegnete Benoit. ┬╗Das ist wissenschaftlich erwiesen. Das ist die Macht des Wortes!┬ź
Der Kurzhaarige blickte zu ihm hoch. ┬╗Die Macht des Wo ...┬ź, mit einem ungl├Ąubigen Gesicht schluckte er sein Bier hinunter. ┬╗Sag mal, wie viel hast du schon getrunken?┬ź
┬╗Zu wenig┬ź, entgegnete Benoit. ┬╗Ich kann noch gucken┬ź. Er winkte in Richtung der Theke, wo der Wirt das frisch bearbeitete staubige Glas mit einer flie├čenden Bewegung vom Handtuch entfernte und es, unter den Blicken der Zuschauer, so glaubte er zumindest, auf den Millimeter genau zentriert unter den Zapfhahn positionierte. Und als ob diese artistische Eleganz nicht schon am Rand des M├Âglichen kratzte, untermalte er das alles noch mit einem bes├Ąnftigenden Nicken in Benoits Richtung. Ein Meister seines Faches.
Der Kurzhaarige setzte wieder an: ┬╗Zu viel. Du hast auf jeden Fall schon zu viel getrunken, wenn du glaubst, du k├Ânntest einen bewaffneten Irren, der dir eine Pistole an die Schl├Ąfe h├Ąlt, mit einem Gespr├Ąch unter vier Augen dazu bringen, mit dir auf ein Bier in die n├Ąchste Kneipe zu gehen.┬ź
┬╗Von Bier und Kneipe war nicht die Rede, Raphael┬ź. Freudig nahm er das frisch gezapfte Getr├Ąnk des Wirts entgegen und holte erneut aus. ┬╗Was ich meinte war, dass du mit einem Dialog tief im Inneren eines verzweifelten Menschen positive Energie wecken kannst. Positive Energie, die ihn von seinen offensichtlich un├╝berlegten Handlungen abbringen kann.┬ź ┬╗Wie viel positive Energie mag einem wohl durch den Kopf gehen, w├Ąhrend man im Begriff ist, jemandem mit einem Revolver das Hirn aus dem Sch├Ądel zu blasen?┬ź, entgegnete Raphael sarkastisch.
Sein Kumpel Benoit verkrampfte etwas und schluckte jedes der sich im Anschlag befindlichen Gegenargumente herunter. Ein ┬╗Okay┬ź zwang sich letztendlich zwischen den zusammengepressten Lippen hindurch. ┬╗Was w├╝rdest du also tun, wenn jemand eine Pistole auf dich richten w├╝rde?┬ź
Raphael erhob den Zeigefinger als eine Art Aufforderung zur Konzentration und nahm dabei einen kurzen Schluck von seinem Bier. ┬╗Ich ...┬ź er schluckte, um den Satz beenden zu k├Ânnen. ┬╗Ich w├╝rde gar nix tun.┬ź
Sein Kollege blickte ihn mit dem leersten Gesicht an, das ihm zur Verf├╝gung stand.
┬╗Ich w├╝rde gar nichts tun, denn ich bin vorbereitet.┬ź
Benoit musste sich nicht mehr anstrengen, das leere Gesicht zu halten. ┬╗Vorbereitet?┬ź entgegnete er. ┬╗Vorbereitet auf was?┬ź Raphael nahm einen erneuten Schluck aus seinem Glas, lie├č es zur├╝ck auf den Tresen sinken und sagte schlie├člich: ┬╗Auf den Tod.┬ź
In einer Ecke des Raums regte sich etwas, allerdings f├╝r niemanden sichtbar. Der Tod blickte kurz auf, wie ein altersschwacher Mann auf einer Parkbank, nur um sofort wieder in totale Regungslosigkeit zu verfallen.
┬╗Den ...┬ź, Benoit wandte den Blick von seinem Freund ab und schaute geradeaus auf die Flaschenwand hinter der Bar. ┬╗Du bist ...┬ź. So ganz ohne Probleme lie├č sich der Satz nicht bilden. ┬╗... auf den Tod ... vorbereitet?┬ź Er unterstrich die Satzteile jeweils mit einem Nicken, blickte hinunter auf sein Glas und f├╝gte ein ┬╗Aha┬ź hinzu.
┬╗Ja. Man kann sich auf alles m├Âgliche vorbereiten. Auch auf den Tod┬ź, erkl├Ąrte Raphael. ┬╗Und das ist das einzige, was ├╝berhaupt Sinn macht.┬ź Auch sein Blick war jetzt geradeaus auf die Flaschenwand hinter der Bar gerichtet. ┬╗Diese Idee, jemanden vollzuquatschen, wenn man von diesem mit einer Waffe bedroht wird, das ist totaler Quatsch.┬ź
Benoit hatte vorerst resigniert, und er war gespannt, wie sich Raphaels offensichtlich esoterische Erkl├Ąrung noch entwickeln w├╝rde. Nur deshalb lie├č er ihn weiter ausreden.
┬╗Ich meine ...┬ź fing dieser an, ┬╗Jemand ist im Begriff dich umzubringen und dazu bedarf es schon so etwas wie das Einverst├Ąndnis seines Gewissens. Das lief alles bereits vorher ab. Der Typ hat wahrscheinlich was wei├č ich f├╝r eine kranke Schei├če erlebt, bevor er sich dazu entschieden hat, seine ganze Wut abzulassen, indem er irgendeinem armen Schlucker das verdammte Gehirn aus dem Sch├Ądel pustet. Es auf dem Boden vor sich verteilt. Das ist seiner Meinung nach vielleicht die letzte M├Âglichkeit, so was wie Gerechtigkeit f├╝r sich selbst zu finden. Und dann h├Ąlt dir der kranke Typ die Knarre an den Sch├Ądel und braucht genau eine Sekunde, um sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Ich meine ... der muss nicht aufpassen, dass das ganze f├╝nf oder zehn Minuten dauert, weil er in einem Film mitspielt und irgendein beschissener Hollywood-Regisseur ihn bekniet, das ganze so dramatisch wie m├Âglich wirken zu lassen, nur damit der Film m├Âglichst abendf├╝llend und spannend wird.┬ź Beide blickten sich regungslos an.
┬╗Der Typ ist irre. Handelt im Wahn. Hat sie nicht alle beisammen. Warum um alles in der Welt sollte er dir in diesem Moment zuh├Âren?┬ź
┬╗Weil sich tief in seinem Inneren, im Unterbewusstsein, ein ganz kleiner Knopf befindet.┬ź entgegnete Benoit und warf eine kurze aber dramaturgisch gut gesetzte Pause ein.
Sie passte gut zu Raphaels Gesicht.
┬╗Eigentlich gibt es dort ganz viele Kn├Âpfe. Da gibt es einen, auf dem steht Essen & Trinken, auf einem steht Schlafen, ein anderer hei├čt ganz ordin├Ąr Kacken. Ganz unten in der letzten Reihe, neben den Kn├Âpfen Panik und dem mit dem zus├Ątzlichen roten Rahmen Super Gau, gibt es einen anderen ganz, ganz wichtigen Knopf, und auf dem steht in gro├čen Buchstaben: Habe ich mir das eigentlich wirklich alles gut ├╝berlegt und wei├č ich wirklich, was ich hier tue?┬ź
┬╗Muss ein ziemlich gro├čer Knopf sein, oder hat den nur einer ganz klein beschriftet?┬ź Sarkasmus war eine von Raphaels St├Ąrken.
Benoit lie├č sich nicht beirren. ┬╗Und diesen Knopf, sozusagen der wichtigste Knopf in einem System hunderter, ach was sage ich, tausender wichtiger und weniger wichtiger Kn├Âpfe, den erreicht man nur mit weise gew├Ąhlten Worten. Und sollte es dir gelingen, diese Worte zu w├Ąhlen, dann schw├Âre ich dir, dr├╝ckst du den Knopf so zielstrebig und kraftvoll wie ein italienischer Taxifahrer die Hupe in seinem Seat ... BAMM!!!┬ź Benoits Schrei wurde von einem lauten Knallen, das er mit seinem Handballen auf der Theke erzeugte, unterstrichen. ┬╗Und dann wird tief im Inneren der entscheidende Befehl initiiert: Stopp! Alle Systeme anhalten! Time Out! Jemand macht einen Fehler! Alle Energie auf einen Punkt umleiten! Auf das Gewissen. Alle verf├╝gbaren Kr├Ąfte konzentrieren sich auf eine Frage: Habe ich mir das auch gut ├╝berlegt?┬ź Benoit nickte zufrieden. ┬╗Und das ist der Moment, in dem die Mauer br├Âckelt. Der Moment, in dem vom Angreifer eine Verteidigungsl├╝cke zu erkennen ist. Das offene Fenster der bis an die Z├Ąhne bewaffneten Burg, das eine ahnungslose Magd am Vorabend ge├Âffnet hat, weil irgend so ein fetter Monarch wieder mal hinter einen Vorhang gepisst und danach noch einen fahren lassen hat.┬ź Benoits Zeigefinger streckte sich in Raphaels Gesicht und unterstrich so das gro├če Finale seiner Geschichte. Er nahm den Finger runter und f├╝gte hinzu: ┬╗W├╝rde sie jemals wieder ihres Lebens froh, wenn sie w├╝sste, dass ihre empfindliche Nase am Fall der Burg schuld war, hm?┬ź
Raphaels Gesichtsausdruck wurde extrem leer und er ertappte sich dabei, kurz einen Gedanken daran verschwendet zu haben, ob es auf Burgen, zu Zeiten als diese noch regelm├Ą├čig angegriffen wurden, keine Toiletten gab. Und war Seat nicht eine spanische Automarke?
┬╗Nat├╝rlich m├╝ssen die Worte, die dann folgen, also sozusagen die brennenden Pfeile, die durch das offene Fenster fliegen - du wei├čt schon, wegen der Magd - gute Worte sein. Du musst genau ins Schwarze treffen ... sein Gewissen wachr├╝tteln!┬ź Raphael war sich ziemlich sicher, dass Fiat eine italienische Automarke war und Seat nicht. Und dass es das Plumpsklo schon ziemlich lange gab, und es wahrscheinlich einfach zu kalt war, und man deshalb ab und an hinter den Vorhang gepisst hatte. Au├čerdem war ja auch Krieg und die Burg wurde belagert. Da ging man wohl nicht einfach so im Hof kacken. Er nickte zufrieden in sich selbst hinein, bevor er bemerkte, dass der Alkohol ihn schon ziemlich hart am Kragen zu fassen bekommen hatte, und zumindest seine Gedanken recht arg hin- und hersch├╝ttelte. Er wollte gerade zu einem verbalen Gegenschlag ausholen, wollte Benoit ins Gesicht sagen, wie d├Ąmlich seine Beispiele waren, wollte ihm ein f├╝r alle mal erkl├Ąren, warum das alles Bl├Âdsinn sei, dass er keine Ahnung von Autos habe und dass er eindeutig zu oft ins Kino ginge. Er holte bereits Luft f├╝r das erste Wort, hatte allerdings noch keine Ahnung, wie es lauten w├╝rde und hatte zu dem Zeitpunkt bereits wieder vergessen, was er Benoit sagen wollte, wo er zu oft hingehen w├╝rde. Er brauchte das erste Wort, das er noch immer nicht gefunden hatte, auch gar nicht weiterzusuchen, denn seine Gedanken wurden durch ein seltsames Jammern und Schluchzen j├Ąh gest├Ârt.
Raphael und Benoit blickten sich verwundert an, um dann zur Quelle des Wimmerns hin├╝berzuschauen.
Der dicke Mann mit der sch├Ąbigen Lederjacke, der die ganze Zeit regungslos neben ihnen an der Bar sa├č, lie├č den Kopf tief h├Ąngen und weinte. Er zog seine Nase hoch und schwieg einige Sekunden, bevor er sein Wimmern wieder aufnahm. Es verwandelte sich kaum merklich in ein leises Kichern. Eigentlich hatte der Mann nicht wirklich Grund zum Lachen. F├╝nf Stunden vor seinem Heulanfall in der Bar nahm sein bisheriges Leben ein vorl├Ąufiges Ende. Vorl├Ąufig bedeutete in diesem Fall, dass der Tod bereits auf ihn aufmerksam wurde und sich auf den Weg machte. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.
Dem Tod war es relativ egal, er stand ├╝ber den Dingen. Auch die Trag├Âdie, die dem Mann mit dem aufgedunsenen Gesicht wiederfuhr, ber├╝hrte ihn nicht. Was das angeht, war er relativ abgestumpft. Auch wusste er, dass er schon oft bei der Familie des Mannes war und dennoch vermochte er im Moment keinen Gedanken daran zu verschwenden. Er war eben einer von vielen, deren Frau oder Kinder der Tod im Laufe seiner Dienstzeit abgeholt hatte. Die Sache mit der Frau des Mannes war gerade f├╝nf Stunden her. Es ber├╝hrte ihn nicht. Hatte ihn nie ber├╝hrt. Bei keinem seiner Klienten.
Der Mann lachte jetzt etwas lauter. Der Barmann und die G├Ąste blickten mit fragenden Blicken zu ihm hin├╝ber. Nach einiger Zeit h├Ârte er auf zu lachen und blieb stumm sitzen, den Kopf immer noch nach unten h├Ąngend, den Blick zu Boden gerichtet. Benoit wollte etwas sagen, doch bevor er auch nur ├╝berlegen konnte, was es genau sein sollte, riss der ├╝bergewichtige Mann den Kopf hoch, hob den Arm aus seinem Scho├č und richtete eine Pistole mitten in Benoits Gesicht.
Raphael stolperte r├╝ckw├Ąrts von seinem Barhocker, landete hart auf dem R├╝cken und rutschte mit schmerz- und angstverzerrtem Gesicht ├╝ber den Boden. Der Wirt duckte sich hinter der Bar und stammelte mit geschlossenen Augen ein Gebet.
Benoit blickte einige Sekunden starr in den Lauf der Pistole. Er konnte die Struktur des Metalls erkennen. Strukturen eines Ringes, der ein tiefes schwarzes Loch beherbergte. W├╝rde man die Kugel sehen, dachte er bei sich. W├╝rde man es am Zittern des Laufs erkennen, wenn der Mann abdr├╝ckte? Er fasste sich und sah dem lachenden Sch├╝tzen ins Gesicht. Dann wurde es ruhig. Er sah die Burgmauer. Hoch und massiv aus grauem, mit Moos bewachsenem Stein. Ein dreckiges grau-gr├╝n, das der R├╝stung eines alten, gest├Ąhlten und erfahrenen Ritters glich. Die Zinnen, die der Mauer mit ihren Katapulten, Bogensch├╝tzen und Kesseln voll siedenden ├ľls ein bedrohliches Antlitz verliehen, ragten in den Himmel hinein. ├ťberall brannten Feuer. Feuer von Fackeln, brennende Pfeile und brennende Katapultgeschosse. Sein Blick raste entlang der Mauer, entlang an Hunderten von bewaffneten M├Ąnnern, die das Gesicht des untersetzten, lachenden Mannes trugen. Er blickte an jedem Einzelnen im Flug vorbei. Schneller, immer schneller trug ihn die Vision um die Burgmauern herum, so lange bis er eine atemberaubende Geschwindigkeit erreicht hatte. Urpl├Âtzlich stoppte die Fahrt und er erblickte das Fenster. Jenes offene Fenster in der Burgmauer, in dem Licht brannte. Benoit spannte den Bogen mit dem brennenden Pfeil, ├Âffnete den Mund und sagte ┬╗H├Âren Sie ...┬ź
Ein Schuss hallte durch die Kneipe, gefolgt von erdr├╝ckender Stille.
Es war totenstill. Keiner im Raum r├╝hrte sich. Bis auf Benoit, dessen lebloser K├Ârper auf den Boden sackte. Raphael hielt den Atem an. Der Wirt presste Augen und Lippen zusammen. Tr├Ąnen der Angst rannen ihm die Wangen hinunter.
Der Tod hob den Kopf. Er stand auf und schlurfte gem├Ąchlich in Richtung Theke. Seine Schritte erzeugten dumpfe Ger├Ąusche, die niemand h├Ârte und donnernde Beben, die niemand sp├╝rte. Er blickte hin├╝ber zu dem am Boden liegenden, zitternden Raphael. Der wollte seine Lippen zusammenpressen, aber es gelang ihm nicht, so sehr zitterte sein K├Ârper. Tr├Ąnen rannen ihm aus den Augen ├╝ber den Mund und die Nase. Er wimmerte. Er wimmerte immer lauter.
Der Tod blieb kurz stehen, als er Raphael erreichte, blickte auf ihn hinab und beobachtete ihn einige Sekunden eindringlich. Dann wandte er sich ab, schritt weiter auf den toten Benoit zu und deutete dabei ein missachtendes Kopfsch├╝tteln an. Er blickte hinunter auf den leblosen K├Ârper, dessen Kopf ein gro├čes blutiges Loch barg. Es ber├╝hrte ihn nicht. Es durfte ihn nicht ber├╝hren. Neben ihm kicherte es wieder.
Benoits M├Ârder steckte sich die Waffe tief in den Mund und dr├╝ckte ein weiteres Mal ab.

Nikola der Peiniger

Das leise Summen des Fahrstuhls bohrte sich wie ein kleiner Bohrer tief hinein in Jojos Kopf. "Maximal vier Personen" las er auf dem kleinen polierten Schild ├╝ber den Bedienelementen. Vier Personen, dachte er bei sich. Pah ... mit Brutus hier mache ich sicher gerade mindestens sechs Personen aus. Vorsichtig, ohne sich zu bewegen, blickte er zu seinem riesigen Begleiter hin├╝ber. Der starrte regungslos geradeaus, so wie er es eigentlich immer tat.
Brutus der Sanfte nannten sie ihn in der Organisation. Eigentlich hie├č er Bruno, aber seit er den Job seines Vaters nach dessen tragisch Unfall ├╝bernommen hatte, nannten ihn alle Brutus.
Jojo war sich sicher, das Brutus mindestens siebzig der achtzig Grad im Fahrstuhl ausmachte. Er wischte sich mit der Hand den Schwei├č aus dem Gesicht. Er war nerv├Âs. Er fragte sich selbst, ob er sich Gedanken machen m├╝sste. Immerhin wurde er zur T├╝r zitiert. Die T├╝r.
Es gab lediglich zwei M├Âglichkeiten, wenn man zur T├╝r zitiert wurde: M├Âglichkeit Eins bestand darin, dass man jemanden abholen musste, der hinter der T├╝r behandelt wurde. Gegenwehr brauchte man dabei nicht zu bef├╝rchten und die Hauptaufgabe bei dieser Aktion war dann eigentlich immer der Transport und das Verschwindenlassen einer Leiche.
M├Âglichkeit Zwei war, man wurde die Leiche.
Verdammt ja, er war nerv├Âs. Sehr nerv├Âs. Sollte er Brutus den Sanften ansprechen? Einfach cool tun und fragen, wer der arme Schlucker sei, den sie abholen sollten? Sollte er ... Jojo zuckte zusammen, als der Fahrstuhl mit einem lauten Klingeln in der Zieletage ankam. Er blickte schnell hin├╝ber zu seinem Begleiter und setzte ein verwundertes, gequ├Ąltes L├Ącheln auf. Der starrte weiter auf die T├╝r und r├╝hrte sich nicht. Die Fahrstuhlkabine ├Âffnete sich und der dicke Bodyguard schritt hinaus auf den Flur.
Ein heller Flur. Wei├če W├Ąnde, hellgrauer Boden. Kein Teppich. An der Decke waren Industrielampen angebracht, deren grelles Licht in seinen Augen brannte. Er hielt sich die Hand zum Schutz vor das Gesicht und trat dann ebenfalls hinaus auf den Flur, bem├╝ht Brutus einzuholen.
Sie folgten einem langen Gang und Jojo wunderte sich ├╝ber das leise Summen, das immer noch in seinem Kopf zu vernehmen war. Allem Anschein nach kam es jetzt von der Beleuchtung ├╝ber ihm. Er wurde wieder nerv├Âser. Hinter einer Kurve im Gang erblickte er sie, ├╝ber den massigen Schultern Brutus: die T├╝r. Noch gut f├╝nfzehn Meter trennten ihn von ihr, doch sie kam bedrohlich schnell n├Ąher. Seine Beine wurden schwach, alles um ihn herum schien sich zu verlangsamen. Er atmete schwer und Schwei├č ergoss sich aus seinen Poren. Es ist nur eine verdammte T├╝r und das hier ist nur ein verdammt normaler Job, dachte er bei sich. Rei├č dich zusammen. Er biss sich mit den Schneidez├Ąhnen auf die Lippe und presste die Augenlider zusammen. Sie erreichten die T├╝r. Sie war gut einen Meter breit und offensichtlich gut gepanzert. Einen Griff suchte man vergebens. Es gab lediglich einen Knauf und kein sichtbares Schloss. Keine Ahnung, wie man sie von au├čen aufkriegen soll, dachte Jojo bei sich. Er hatte geh├Ârt, dass die T├╝r schalldicht war. Man k├Ânne angeblich nichts von dem h├Âren, was dem Patienten hinter der T├╝r angetan wurde. Man k├Ânne nur dasitzen, sagte man ihm. Auf der Bank vor der T├╝r an der Wand dasitzen und abwarten, bis man an der Reihe war und sich um das k├╝mmern musste, was von der Behandlung ├╝brig geblieben war. Die Bank an der Wand vor der T├╝r. Er hatte sie gar nicht beachtet, so viel Platz nahm die T├╝r in seinem Kopf ein. Er hatte auch nicht wahrgenommen, dass Brutus bereits seinen 160 Kilo Hintern auf ihr niedergelassen hatte. Das graugestrichene Holz ├Ąchzte unter ihm, als z├Ąhle es jedes einzelne seiner Kilos.
Was solls, dachte Jojo und er richtete ein ┬╗Was nun?┬ź an den sitzenden Riesen.
┬╗Warten.┬ź war die knappe Antwort, die er bekam. ┬╗Warten.┬ź wiederholte sich Brutus. ┬╗Du setzt dich besser hin, es kann lange dauern.┬ź
Hinter der T├╝r war es ruhig. Von innen konnte man erkennen, dass die T├╝r ebenfalls nur einen Knauf und ebenfalls kein Schloss hatte. Sie geh├Ârte zu einem Raum, der wie der Flur komplett hell gestrichen war. In der Mitte befanden sich zwei kleine Metallst├╝hle. Sonst waren keine M├Âbel zu sehen. Auf einem der St├╝hle sa├č eine bis auf eine graue, verschwitzte Shorts komplett nackte Gestalt, deren H├Ąnde auf dem R├╝cken gefesselt waren. ├ťber dem Kopf hing eine Plastikt├╝te. Die Person, m├Ąnnlich, atmete laut und schwer. Vor ihr auf dem zweiten Stuhl sa├č ein Mann, dessen Alter man sehr schwer deuten konnte. Mitte Vierzig war wohl eine gute Sch├Ątzung. Sein kr├Ąftiges schwarzes Brillengestell ruhte optimal auf einer recht gro├čen Nase und er machte einen leicht gr├╝belnden Gesichtsausdruck. Er hob die Augenbrauen und strich sich mit der Hand ├╝ber die Halbglatze. Seine Blicke wanderten durch den Raum. Hinter ihm, jeweils links und rechts von der T├╝r standen zwei dicke Bodyguards. Die Organisation bevorzugte offensichtlich Handlanger, die in Notf├Ąllen einfach nur irgendwem irgendeinen Weg irgendwohin versperren konnten. Auch sie r├╝hrten keinen Muskel. Sonst war keine weitere Person im Raum.
Der Mann mit der Halbglatze blickte zur├╝ck auf die Gestalt auf dem Stuhl. Die Plastikt├╝te lie├č die Mund├Âffnung erahnen. Sie wurde rhythmisch an die Lippen des Patienten herangesogen und von ihnen weggepustet. Sie bewegten sich. Es war ein sehr leises St├Âhnen zu vernehmen. Der Kopf unter der T├╝te wollte offensichtlich etwas sagen.
┬╗Ja, bitte?┬ź entgegnete der Mann mit Halbglatze und Hornbrille. Er schlug seinem Gegen├╝ber mit der flachen Hand von der Seite an den Kopf. Die T├╝te machte ein matschiges Ger├Ąusch und das St├Âhnen zog sich laut in die L├Ąnge. ┬╗Du hast eine beschissen undeutliche Aussprache. Hat dir das noch niemand gesagt?┬ź
Das St├Âhnen verhallte. Man vernahm schweres Atmen. Mit gro├čer Anstrengung brachte der Gepeinigte lediglich unverst├Ąndliche T├Âne heraus. Er erhob langsam den Kopf und richtete ihn in die ungef├Ąhre Richtung, in der er seinen Peiniger vermutete. ┬╗Obst und Gem├╝se aus der T├╝rkei.┬ź las dieser von der T├╝te ab, die der Mann auf dem Stuhl ├╝ber den Kopf gest├╝lpt bekommen hatte. Offensichtlich handelte es sich hier um die T├╝te eines t├╝rkischen Gem├╝seh├Ąndlers. ┬╗Wo ist denn hier ein t├╝rkischer Gem├╝seh├Ąndler?┬ź fragte er die beiden M├Ąnner hinter ihm sichtlich interessiert und drehte den Kopf in Richtung T├╝r. Beide zuckten mit den Achseln. ┬╗Hm ... w├╝rde mich mal interessieren. Ich bin ein richtiger Gem├╝se Fan. Wusstest du das?┬ź Die Frage richtete sich wieder an den Mann auf dem Stuhl. Der war mittlerweile wieder verstummt, nachdem sein letzter Versuch sich zu verdeutlichen, ignoriert und unterbrochen worden war.
┬╗Ich habe dich etwas gefragt!┬ź
Die Gestalt sch├╝ttelte langsam den gesenkten Kopf.
┬╗Beim T├╝rken gibts doch nur Krautsalat, hm?┬ź Er drehte sich wieder zu den beiden dicken M├Ąnnern um. Keiner von beiden wusste, was es an besonderem Gem├╝se in der T├╝rkei gab, beiden war aber klar, dass es wohl mehr sein musste als ordin├Ąrer Krautsalat. Sie schwiegen.
┬╗Nikola ... ich bitte Sie, h├Âren Sie ...┬ź, die kl├Ągliche Stimme des Gefangenen quoll dumpf durch die T├╝te.
Nikola der Peiniger wandte den Blick verbl├╝fft von den beiden fetten Leibw├Ąchtern ab. Er schlug seinem Gegen├╝ber wieder mit der flachen Hand auf die Seite des Kopfes.
Da war wieder das matschige Ger├Ąusch. Die beiden Bodyguards verzogen schmerzhaft die Miene, lie├čen sich aber sonst nichts anmerken.
Die kurzzeitig verst├Ąndliche Stimme verformte sich wieder zu einem gequ├Ąlten St├Âhnen.
Nikola sch├╝ttelte mit zusammengepressten Lippen den Kopf. ┬╗Wisst ihr? Ich habe hier echt keinen leichten Job. Der eine spricht enorm undeutlich und die beiden anderen sind stumm! Teufel noch mal!┬ź
Vor der T├╝r wartete Jojo noch immer darauf, dass etwas passieren w├╝rde. Der Riese neben ihm hatte seit einer Viertelstunde nichts gesagt und starrte weiterhin regungslos an die Wand direkt gegen├╝ber der Sitzbank. Wie macht er das nur, dachte Jojo bei sich. Er war jetzt viel lockerer und versuchte nicht an den Anblick zu denken, der sich ihm hinter der T├╝r offenbaren w├╝rde. Wie macht er das blo├č? Seit er der Organisation vor drei Jahren beigetreten war und vom Boss pers├Ânlich seinen Spitznamen bekommen hatte, kannte er Brutus, und nicht einmal jetzt hatte der aus eigener Kraft versucht ein Gespr├Ąch zu starten. Er sagte nicht mal Guten Morgen, Guten Tag oder Hallo. Nicht mal dem Boss gab er die Hand. Er begr├╝├čte ihn lediglich mit einem stummen Nicken, so wie es der Boss mit ihm tat. W├╝rde ich dem Boss zunicken, dachte Jojo bei sich, w├╝rde ich wahrscheinlich eine Ohrfeige kassieren. Schei├č Typ. Jojo konnte ihn nicht leiden. Er konnte es nicht leiden, wie ein St├╝ck Dreck behandelt zu werden, egal wie viel Geld man daf├╝r bekam. Er konnte es nicht leiden, in der Organisation gefangen zu sein. Er war nicht mehr frei. Das war es, was ihn eigentlich am schwersten zu schaffen machte. Man verschrieb sich der Organisation, gab sich willenlos hin.
Jojo zuckte wieder zusammen, als er hinter der T├╝r ein leises, undefinierbares Ger├Ąusch vernahm. Er wurde wieder nerv├Âs. Ganz schalldicht war sie also nicht. Sein K├Ârper verspannte sich von einer Sekunde zur n├Ąchsten zu einhundert Prozent. Angespannt lauschte er der summenden Stille. Da war ein Ger├Ąusch, das durch die T├╝r drang, dachte er bei sich. Was es wohl gewesen sein mag, fragte er sich. Er wusste, dass der Raum der Folter diente. Nicht etwa Folter um dem Delinquenten bestimmte Informationen zu entlocken. Die Menschen, die in diesen Raum gef├╝hrt wurden, waren vom Boss zum Tode verurteilt worden. Zu qualvollem Tod. Vollstrecker dieser Urteile war Nikola der Peiniger. Ein Typ, der lediglich durch sein extrem normales Aussehen auffiel.
Jojo war ihm bereits ein paar Mal in der Organisation ├╝ber den Weg gelaufen. Er begegnete ihm mit einer gewissen Ehrfurcht und Angst, wie die meisten es taten. Nikola allerdings beachtete ihn und alle anderen einfach gar nicht. Wahrscheinlich weil ihm klar war, dass einige von ihnen fr├╝her oder sp├Ąter auch hinter seiner T├╝r landen w├╝rden.
Eigentlich diente der Raum nur der Vollstreckung des Todesurteils. Aber wer erst einmal eine Stunde vor der T├╝r gewartet hatte, brauchte kein Abitur, um zu erkennen, dass Nikola der Peiniger seinen Beinamen nicht aufgrund eines ├╝berma├čes an N├Ąchstenliebe bekommen hatte.
Jojo starrte gebannt auf die T├╝r. Kein Mucks war zu h├Âren. Nur das Summen der Lichter. Eine Schwei├čperle rollte ├╝ber seine Wange hinunter bis zur Spitze seines Kinns. Er verwischte sie mit der Hand. Da war ein Ger├Ąusch! Er spannte seinen ganzen K├Ârper an und hob den Kopf in Richtung der T├╝r. Dann blickte er hin├╝ber zu Brutus, der eingeschlafen war und anfing zu schnarchen.
Nikola betrachtete sein gefesseltes Gegen├╝ber. Er spielte mit den Lippen, als w├╝rde er ├╝ber irgendetwas gr├╝beln. ┬╗Wei├čt du┬ź, entfuhr es im schlie├člich in Richtung der armseligen, gefesselten Gestalt. ┬╗Es ist nicht einfach, der Peiniger genannt zu werden ...┬ź Er erhob den Zeigefinger, winkte damit ab und unterstrich die Geste zus├Ątzlich mit einem Kopfsch├╝tteln. ┬╗Es wird einiges von einem abverlangt. Man hat gewisse Standards, denen man gerecht werden muss. Das verstehst du doch sicher?┬ź Er griff hinter seinen R├╝cken unter sein Jackett, zog eine Waffe aus dem G├╝rtel und hielt diese einige Sekunden mit angewinkeltem Arm in die Luft. Die rechte Hand lud sie durch.
Die Person auf dem Stuhl zuckte zusammen.
Nikola winkte mit der Waffe im Takt hin und her. Dazu summte er mit geschlossenen Lippen eine simple Melodie. Er senkte die Waffe und betrachtete sie mit dem Blick eines K├╝nstlers, der eine gerade fertig gestellte Skulptur bewertete. ┬╗Das Leben, mein Freund ...┬ź, sein Kopf nickte zustimmend. ┬╗Das Leben ist wie einer dieser koreanischen Filme┬ź. Er machte eine kurze Pause. ┬╗Es hat seine H├Âhen und Tiefen und am Ende ist die Hauptperson tot┬ź.
Die Gestalt b├Ąumte sich nerv├Âs auf und riss den Kopf hin und her.
┬╗Ich k├Ânnte dich einfach erschie├čen┬ź, fuhr Nikola fort. ┬╗Schnell, effektiv, sauber.┬ź Er blickte auf den Boden, wo sich bereits eine kleine Pf├╝tze Blut angesammelt hatte. ┬╗Na ja...┬ź f├╝gte er hinzu, ┬╗... vergiss das mit der Sauberkeit, das bekommen wir jetzt nicht mehr hin. Hast ja schon eine ganz sch├Âne Sauerei angerichtet. Ts,ts,ts.┬ź Er hielt dem gefesselten Mann die Pistole dorthin, wo er ein Auge unter der T├╝te vermutete. ┬╗Aber schnell w├Ąre doch irgendwie langweilig, oder? Au├čerdem habe ich einen Ruf zu verlieren. Wei├čt du, was sich diese beiden Riesen hinter mir alles erz├Ąhlen, wenn sie zusammen im Puff an der Bar sitzen und sich zwischen zwei Ficks mit teurem Champagner besaufen?┬ź Er schnippte mit einer Geste in den Raum. ┬╗Hey, kennt ihr Nikola den Peiniger? Ich habe ihm letzte Woche bei der Arbeit zugesehen. Zog seine Knarre, schoss dem Typen in den Kopf und weg war er. Ging alles ganz schnell und der Typ hat nix gemerkt. Ein Profi, aber ein bisschen zu weich.┬ź Er drehte sich mit einem leicht irren Blick zu den beiden M├Ąnnern bei der T├╝r und f├╝gte hinzu: ┬╗Er hat nicht mal gebohrt, Mami!┬ź Dann brach er in schallendes Gel├Ąchter aus.
Die beiden M├Ąnner an der T├╝r r├╝hrten sich nicht. Nikola schlug sich mit beiden H├Ąnden leicht auf die Oberschenkel und verschluckte die Reste des Lachens mit einem leisen Schmatzen. ┬╗Ich hoffe, du verstehst meinen Standpunkt.┬ź sagte er zu seinem Gefangenen und schoss ihm in das linke Bein.
Jojo blickte erschrocken auf, als er ein dumpfes sehr leises Ger├Ąusch hinter der T├╝r vernahm. Es h├Ârte sich an wie ein Knall. Ein Knall! Er blickte hin├╝ber zu Brutus. Der blickte mit einem Auge starr geradeaus, w├Ąhrend das andere noch tief und fest schlief. Offensichtlich hatte auch er etwas geh├Ârt. ┬╗Wie oft hast du das hier schon gemacht?┬ź Jojo setzte alles auf eine Karte. Wenn er sich jetzt nicht mit irgendwem unterhalten k├Ânnte, w├╝rde er noch durchdrehen, dachte er bei sich. ┬╗Hm?┬ź Brutus blickte ihn fragend an.
┬╗Jemanden abgeholt. Hier vor der T├╝r. Wie oft hast du das schon gemacht?┬ź
Brutus blickte ihn lange von oben bis unten an. ┬╗Oft ...┬ź war alles was er herausbrachte.
Na super, dachte Jojo, so wird das nichts. Er st├╝tzte seinen Kopf auf seine Unterarme und blickte ebenfalls starr gegen die Wand. Er erkannte, dass es wohl sein Schicksal war, hier angespannt herumzusitzen, bis diese verdammte T├╝r endlich ge├Âffnet werden w├╝rde. Was wohl gerade hinter der T├╝r geschah, dachte er bei sich. Welche grausamen Foltermethoden kamen wohl gerade zum Einsatz. Oder war der Patient eventuell schon tot und Nikola der Peiniger betrachtete zufrieden sein Werk? Wie viel Blut w├╝rde er wohl sehen, wenn sich die T├╝r ├Âffnete. Oder w├Ąre all das Blut am Ende vielleicht nicht mal das Schlimmste? Er hatte trotz seines jungen Alters schon einige Leichen gesehen, allerdings noch keine, die vor dem Tod gefoltert worden war. Jojo verabscheute Folter. Er glaubte zu wissen, dass er keine Probleme damit h├Ątte, irgendwann mal jemandem eine Kugel in den Kopf zu jagen. Das war schnell, effektiv und sauber. Und irgendwie human. Er konnte es nicht verstehen, warum man jemanden unvorstellbare Qualen erleiden lassen wollte, der einem nichts getan hat. Ein kurzer Anfall des Hasses auf Nikola den Peiniger stieg in ihm auf. Ein Mensch war das nicht, dachte er bei sich. Der einzige Punkt, warum er Nikola nicht f├╝r den Teufel pers├Ânlich hielt, war die Tatsache, dass er f├╝r den Boss arbeitete. Der Teufel w├╝rde doch f├╝r niemanden arbeiten, oder? Vielleicht hatte der Teufel in der realen Welt nicht die Narrenfreiheit, die er in der H├Âlle genoss. Vielleicht hatte er ein Abkommen mit dem Boss! Der Teufel stellte seine Foltermethoden in den Dienst des gro├čen Bosses und bekam daf├╝r irgendeine verteufelte Gegenleistung. Aber was f├╝r eine Gegenleistung sollte das wohl sein?
Jojo ertappte sich dabei, wirre Gedanken zu verfolgen, was er immer tat, wenn er in einer unangenehmen Situation angespannt auf etwas wartete und sich dabei nur mit seinen Gedanken besch├Ąftigen konnte. Verdammte T├╝r! Geh endlich auf, schrie es lautlos in seinem Kopf. Geh auf! Geh auf! Geh auf!
Brutus beobachtete ihn desinteressiert aus dem Augenwinkel, zog die Mundwinkel einen Hauch an und schloss seine Augen ein weiteres Mal.
Drinnen beobachtete Nikola den sich auf dem Stuhl hin- und herwindenden, leidenden Menschen, dessen Kopf nach hinten ├╝ber die kurze Lehne hing und der undefinierbare gurgelnde Ger├Ąusche von sich gab. Nikola strich ihm von der nackten Schulter ├╝ber das Schl├╝sselbein zur Brust, wo seine Finger auf einem silbernen Anh├Ąnger, der an einer Kette um den Hals des Mannes hing, inne hielten. Nikolas Daumen und Zeigefinger griffen nach dem Schmuckst├╝ck und zogen es an sein Gesicht heran bis die Kette zwischen dem wehrlosen Mann und Nikolas Hand straf gespannt war. Der rechteckige Anh├Ąnger wies einen verzierten Rahmen auf und barg einige asiatische Schriftzeichen. ┬╗Hm┬ź, Nikola be├Ąugte das kleine Pl├Ąttchen argw├Âhnisch. ┬╗Ich kenne diese Art Schmuck. Man verschenkt ihn mit seinem Namen oder den Initialen an jemanden, den man liebt. Herrlich romantisch.┬ź Er setzte ein blumiges L├Ącheln auf und blickte, wie in Gedanken, an die Decke. ┬╗Ich war leider nie so der romantische Typ┬ź, er blickte wieder vor sich auf den gefesselten Mann. ┬╗Hab nie so ein Teil bekommen. Ich war auch noch nie so der wirklich beliebte Mensch.┬ź Er holte kurz Luft, stie├č einen gespielten Seufzer aus und tat so, als w├╝rde er etwas bereuen. ┬╗Ich frage mich, ob das hier ein Name ist, oder ob es dieser ├╝bliche Schei├č ist. So was wie ein chinesischer Ausdruck f├╝r langes Leben oder so.┬ź Immer noch argw├Âhnisch betrachtete er den Anh├Ąnger von allen Seiten. ┬╗K├Ânnte schon sein┬ź, nickte er sich selbst zufrieden zu. ┬╗Funktioniert aber glaube ich nicht!┬ź, f├╝gte er an die gefesselte Person gerichtet hinzu und brach ein weiteres Mal in lautes Gel├Ąchter aus.
Der Kopf unter der T├╝te unterbrach ihn mit unverst├Ąndlichem Gurgeln.
Nikolas Lachen verstummte. ┬╗Versteht ihr, was er mir sagen will?┬ź Er richtete die Frage an die beiden M├Ąnner an der T├╝r. Er wollte keine Antwort und bekam auch keine. Er stand auf, schob seinen Stuhl von sich, blickte an die Decke und holte langsam und tief Luft. Einige Sekunden geschah gar nichts. Man vernahm nur das rhythmische St├Âhnen des Gepeinigten. Nikola blickt ihn an und wurde laut. ┬╗Ich gebe mir hier die gr├Â├čte M├╝he, Konversation zu betreiben und du St├╝ck Schei├če h├Ąngst wie ein Schluck Wasser in der Kurve auf diesem Stuhl rum, s├╝lzt unverst├Ąndliches Zeug vor dich hin und hast dabei nicht mal den Anstand mir ins Gesicht zu gucken!┬ź Er hob sein Bein und trat mit seinen Fu├č mit voller Kraft in die Schusswunde des Mannes. Ein Schrei ert├Ânte und erf├╝llte den Raum. Ein Schrei, der dem Heulen eines Wolfes glich. Ein Schrei, der so ausgepr├Ągt in seiner Emotion war, dass er die Zeit zu verlangsamen schien. Er verteilte sich im Raum wie Fl├╝ssigkeit in einem Glas. Er erreichte die Decke, quoll an den W├Ąnden hinunter, f├╝llte jede Ecke, jede Unebenheit, jeden noch so kleinen Spalt in den W├Ąnden. Als der Raum vollkommen mit dem Schrei erf├╝llt war, hielt die Zeit inne.
Mitten im Raum, in seiner Bewegung eingefroren stand Nikola, der mit einem irren Grinsen auf sein Opfer blickte, die Brust angeschwollen vor Geilheit, beide Arme in die Luft erhoben, als h├Ątte er das entscheidende Tor bei einem wichtigen Fu├čballspiel geschossen. Er triumphierte.
An der T├╝r verharrten eingefroren die beiden fetten Bodyguards, deren Gesichter sich vor Schmerzen verzerrt hatten. Schmerzen, die sie selbst nicht sp├╝rten. Es war kein physischer Schmerz. Es war Mitleid.
Mitleid gegen├╝ber dem, was das Zentrum des schrecklichen Szenarios ausmachte: eine Gestalt - gefesselt, gepeinigt und dem Tode nahe, auf einem Stuhl h├Ąngend ├╝ber einer Pf├╝tze des eigenen Blutes schwebend, den Mund unter einer Plastikt├╝te ├╝ber dem Kopf weit aufgerissen - die einen so erschreckenden Schrei von sich gab, dass selbst die Zeit vor Angst in ihrer Bewegung erstarrte.
Nikolas schreckliches Kunstwerk war vollbracht.
Drau├čen vernahm Jojo wieder ein Ger├Ąusch, aber dieses Mal riss er sich zusammen. Es w├╝rde keinen Sinn machen, wenn er sich wieder in einer Welt wirrer Gedanken verlor, dachte er bei sich. Er versuchte einfach cool zu bleiben. So cool, wie Brutus, der fette Riese neben ihm. Er fragte sich, wie viel Kilo ihm wohl fehlten, um in einer Situation wie dieser so verdammt ruhig zu bleiben. Aber es waren wohl blo├č die Jahre der Erfahrung. Schon beim n├Ąchsten Mal wird das hier alles anders ablaufen, dachte er sich. Wenn er den grausigen Anblick dessen, was ihn erwartete erst einmal hinter sich gebracht h├Ątte und der Job solide ausgef├╝hrt w├Ąre, w├Ąre das n├Ąchste Zusammentreffen mit der T├╝r wahrscheinlich nur noch halb so schlimm. Dann w├Ąre er derjenige, der die erste Zeit noch mit Brutus zusammen und dann sp├Ąter mit einem j├╝ngeren Organisationsneuling, wie er jetzt einer war, dort sitzen w├╝rde, und dann w├╝rde er Brutus den Sanften spielen. Den coolen Brutus.
Er blickte zu ihm hin├╝ber und das erste Mal, seit sie das Geb├Ąude betreten hatten, verirrte sich ein leichtes L├Ącheln auf sein Gesicht.
Der Riese blickte ihn aus den Augenwinkeln an und verschr├Ąnkte verduzt fragend die Augenbrauen.
Jojo wollte etwas sagen, doch in dem Augenblick machte die T├╝r ein lautes, klickendes Ger├Ąusch. Beide Augenpaare schnellten in ihre Richtung. Sie ├Âffnete sich langsam, sehr langsam. Als wolle sie die Spannung absichtlich auf den absoluten H├Âhepunkt treiben und erst im letzten Moment das offenbaren, was sie an Grausamkeit verbarg. Sehr, sehr langsam.
Brutus der Sanfte stand sofort auf und wies Jojo mit einer Handbewegung an, sich als erster durch die T├╝r zu begeben. Der stand mit zitternden Knien auf und bewegte sich leicht geb├╝ckt auf sie zu. Er betrachtete den Stahl, der mindestens 20 Zentimeter dick war, dann verschloss er die Augen. Er versuchte seine Gedanken frei zu machen, wollte sich entspannen, aber es gelang ihm nicht. Mit einem weiteren lauten Klicken rastete der Mechanismus ein. Ruhe.
Jojo ├Âffnete die Augen und blickte in das Gesicht Nikolas, der ihm gegen├╝ber l├Ąchelnd im Raum stand. Ein weiterer Mann, beinahe so fett wie Brutus, stand neben ihm und starrte Jojo kalt ins Gesicht. Der Raum war wei├č und hatte den selben grauen Boden wie der Flur. Es gab zwei St├╝hle. Ansonsten war er leer. Und sauber.
Nikola klatschte in die H├Ąnde, blickte sich im Raum um und dann wieder in Jojos Richtung. ┬╗Hast du eine T├╝te mitgebracht, so wie man es dir aufgetragen hat?┬ź fragte er ihn.
Jojo brauchte einige Sekunden bis er reagierte und griff dann unter seine Jacke, um eine T├╝te mit der Aufschrift ÔÇ×Obst und Gem├╝se aus der T├╝rkeiÔÇŁ hervorzuholen.
┬╗Sch├Ân.┬ź sagte Nikola, drehte sich um und entging so den fragenden Blicken Jojos, dessen Nacken in diesem Augenblick von einem kalten, harten Gegenstand getroffen wurde. Um ihn herum wurde es dunkel. Verdammt dunkel.

Karnov und die Taube

Das Meer. Manche sagen, es bereite ihnen ein sonderbar sch├Ânes Gef├╝hl, wenn man auf seine endlos scheinende Weite hinaus blickte. Als w├╝rde man dort hinein geh├Âren. Wahrscheinlich ist irgendwo in unserer DNA ein winzig kleiner Punkt verankert, der so etwas wie Heimweh bekommt und ganz tief in unserem Unterbewusstsein auf uns einredet: wir schwammen mal da drin rum und haben die gro├če Evolution in Gang gebracht. Damals, in der guten alten Zeit. Karnov das Kinn hasste das Meer. Auf Schiffen wurde ihm immer schlecht und schwimmen konnte er gerade gut genug, um sicher den n├Ąchstgelegenen festen Boden unter den F├╝├čen zu erreichen. Und Evolution, so dachte er, w├╝rde man sich gegen Sonnenbrand auf die Haut reiben. Er war eben eher praktisch veranlagt. Man gab ihm einen soliden Auftrag und er f├╝hrte ihn aus. Solide. Ohne Wenn und Aber. Normalerweise auch ohne Zweifel. Das war dieses Mal anders. Sein aktueller Job bereitete ihm Kopfschmerzen. Kopfschmerzen in Gegenden seines Kopfes, die er nicht mal kannte. Ein Mobiltelefon hatte man ihm gegeben. Ihm, einem Mann, der T├╝ren lieber eintrat, anstatt sich mit dem komplexen System einer T├╝rklinke auseinanderzusetzen. Gerade ihm, der die Fernbedienung seines Fernsehers mit zwei H├Ąnden bediente und der leidvoll erfuhr, dass man das TV-Ger├Ąt auch zerst├Âren konnte, wenn man mit der Bedienung danach warf. Und jetzt stand er da. Mit einem Mobiltelefon in der Tasche und einem langen Gesicht. Fr├╝her, dachte er sich, fr├╝her hatte man seinen Auftrag von Angesicht zu Angesicht im B├╝ro abgeholt. Hatte man eine Frage, konnte man diese stellen. Hatte man Bedenken, konnte man diese ├Ąu├čern. Aber so. Ausgerechnet ans Meer, dachte er und blickte etwas nerv├Âs durch die Gegend. Normalerweise war er nie nerv├Âs. Zumindest nicht so nerv├Âs wie er jetzt gerade war. Er wusste noch nicht, wie nerv├Âs er erst drei Stunden sp├Ąter sein sollte.

Drei Stunden sp├Ąter.

Ein Mercedes fuhr eine verlassene Landstra├če entlang. Der Wagen war der einzige bewegliche Punkt in der friedlichen, l├Ąndlichen Umgebung. Abgesehen von dem Motor des Wagens war nur der Wind zu h├Âren, der ab und an hart ├╝ber die Wiesen und Felder strich. Hier gibts nicht mal beschissene K├╝he dachte Karnov das Kinn bei sich und war dabei so nerv├Âs wie noch nie. Er lenkte den Wagen mit dem ausgestreckten rechten Arm. Der linke lag in seinem Schoss und die Hand hielt ein Mobiltelefon fest umklammert. Karnov blickte in regelm├Ą├čigen Abst├Ąnden abwechselnd auf die Stra├če und auf das Display. Nichts. Keine Nachricht, keine Anruf. Teufel noch mal, war er nerv├Âs.
Neben ihm auf dem Beifahrersitz sa├č die Taube. Die Taube war ein Er. Alle nannten ihn die Taube, weil er taubstumm war. Wenn man ihn rufen w├╝rde, k├Ânnte er einen eh nicht h├Âren, also ging es darum einen Namen zu finden, bei dem jeder gleich Bescheid wusste. Daf├╝r reichte "die Taube" als Name allemal.
Die Taube sah abwechselnd auf Karnov, die Stra├če und in den hinteren Teil des Wagens. Dorthin hielt er auch den Lauf seines im Verh├Ąltnis viel zu gro├čen Revolvers. Die Lippen der Taube bewegten sich zusammengepresst und formten seltsame Gesichtsausdr├╝cke. So wie sie es immer taten, wenn er mit einer Waffe auf etwas, oder wie in diesem Fall, auf jemanden zielte.

Zweieinhalb Stunden fr├╝her.

Karnov blickte den Taubstummen b├Âse und regungslos an. Die Taube stand etwas unruhig vor ihm, und h├Ątte er die M├Âglichkeit gehabt zu sprechen, w├╝sste er jetzt trotzdem nicht, was er h├Ątte sagen sollen.
┬╗Na wenigstens bist du ├╝berhaupt noch aufgetaucht┬ź, sagte Karnov, nicht sonderlich bem├╝ht die Lippen so zu bewegen, das ein Taubstummer ├╝berhaupt die Chance gehabt h├Ątte von ihnen abzulesen. ┬╗Immerhin etwas.┬ź Er holte das Telefon aus der Innentasche seiner Jacke, betrachtete das Display und sch├╝ttelte den Kopf. ┬╗Schei├če, verdammte!┬ź, murmelte er in sich hinein. ┬╗Und alles mit diesem verdammten Wasser hinter mir. Das ist einfach nicht mein Tag heute. Ich h├Ątte verdammt noch mal im Bett bleiben sollen. Verdammte Schei├če!┬ź
Die Taube blickte sich verlegen um, ging ein paar Schritte auf das Gel├Ąnder des Hafenbeckens zu und lehnte sich dort in einer Position an, in der er hoffte, es einige Zeit aushalten zu k├Ânnen. Taub sein hatte seine Vorteile. Man musste niemandem ein Gespr├Ąch aufzwingen und brauchte sich f├╝r die erdr├╝ckende Stille um einen herum auch nicht zu sch├Ąmen. Zweieinhalb Stunden sp├Ąter.
Ein Mercedes bietet viel Platz f├╝r vier erwachsene Personen. Wenn alle ein bisschen zusammenr├╝cken, passen sogar f├╝nf hinein und jeder hat trotzdem noch genug Armfreiheit. Derzeit befanden sich auch f├╝nf Personen im Auto. Zuvorkommenderweise befanden sich zwei davon tot im Kofferraum.
Die dritte noch lebende Person neben Karnov und der Taube war eine Frau. Sie sah starr und mit leerem Blick zwischen den K├Âpfen von Fahrer und Beifahrer hindurch auf die Stra├če. Eine Asiatin, sehr schlank und beinahe zerbrechlich zierlich. Die Art von Frau, die neben diversen anderen Gef├╝hlen auch den Besch├╝tzerinstinkt in einem aufrechten Mann weckte. Die Art von Mensch, die Karnov in normalen Situationen nicht zu doll anfassen wollte, damit er sie nicht aus Versehen kaputt machte. Diese Situation war nicht normal.
Das Blut unter ihrer Nase war geronnen und bildete eine rote Stra├če aus ihrem wei├čen Gesicht heraus, hinunter auf ihr makelloses Porzellandekollet├ę. Ein Kunstwerk der Gewalt h├Ątte es Nikola der Peiniger genannt.
F├╝r Karnov war es nur eine blutende, dumme Zeugin, die nur deshalb noch am Leben war, weil er noch keine Anweisungen erhalten hatte, was er mit ihr tun sollte. Abgenommen hatte bei der Nummer niemand, die ihm die Details zum Auftrag aus dem Hauptquartier per Textnachricht hat zukommen lassen. Also schrieb er zur├╝ck:

Komme sp├Ąter. Bin ├╝berraschend mit einer Frau unterwegs!

Besser gesagt, er lie├č sie schreiben. Nachdem er es f├╝nfzehn Minuten versucht hatte, gab er auf und schrieb den Satz auf einen Zettel, den er zusammen mit dem Mobiltelefon der Taube in die Hand gedr├╝ckt hatte.
Die Taube war beim Anblick des Zettels kurzzeitig irritiert, kombinierte aber recht schnell, als ihm der aufgebrachte Karnov das Telefon entriss und es ihm mit voller Wucht wieder in den Scho├č schmiss.
Eine Antwort auf die Nachricht kam nicht.

Ungef├Ąhr zwei Stunden fr├╝her.

Karnov lehnte nun auch an dem Gel├Ąnder des Hafenbeckens. Allerdings wesentlich uncooler als die Taube. Sein Mobiltelefon surrte zweimal und spielte eine Melodie, die jeden Dreizehnj├Ąhrigen auf der Stelle vor Lachen h├Ątte aufprusten lassen. Jeder dieser Dreizehnj├Ąhrigen w├Ąre allerdings auch sofort wieder verstummt, w├╝rde er erkennen, dass das Klingeln aus der Innentasche der Jacke von Karnov dem Kinn kam. Karnov hasste Dreizehnj├Ąhrige. Er hasste auch alle, die j├╝nger waren, und ├Ąltere konnte er sowieso nicht ab.
Wir treffen uns mit K1 im Club. Wir sehen uns dort am Hintereingang. Karnov las die Nachricht zweimal, einmal mit und einmal ohne dabei die Lippen zu bewegen. Er fingerte ein paarmal unsicher an den Tasten des Mobiltelefons herum, lie├č es dann in seiner Tasche verschwinden und machte sich auf den Weg an der Taube vorbei zu seinem Wagen. Er murmelte diverse unsch├Âne Fl├╝che in sich hinein.
Die Taube hatte die Arme verschr├Ąnkt und blickte tagtr├Ąumend auf das Meer hinaus. Im n├Ąchsten Moment beschlich ihn beim Anblick der Wellen ein seltsames Gef├╝hl. Ein Gef├╝hl von Geborgenheit, das ihn beschwor hier am Meer zu bleiben. Er kannte dieses Gef├╝hl nicht. Nicht weil er sich sonst ├╝berall unwohl f├╝hlte. Er wurde eigentlich ├╝berall freundlich aufgenommen. So richtig unfreundlich war ihm gegen├╝ber niemand eingestellt. Mal abgesehen von seinem Partner, Karnov dem Kinn. Aber der war nun mal so. Alle anderen waren nett zu ihm. Es hatte Vorteile in einer Organisation wie der, in der sie besch├Ąftigt sind, nicht h├Âren und nicht sprechen zu k├Ânnen. So machte man sich schnell Freunde. Oder zumindest keine Feinde. Er starrte weiter auf das Meer hinaus und bekam ein ungutes Gef├╝hl es jetzt verlassen zu m├╝ssen. Er drehte seinen Kopf nach vorne, erkannte, dass Karnov bereits auf dem Weg zum Wagen war und hastete ihm eilig hinterher.

Der Club.

Die Taube blickte aufgeregt hin und her. Er schaute fragend in das Gesicht von Karnov, bevor er seinen Blick wieder in Richtung einer fl├╝chtenden Gestalt wandte, die hastig hinter einer Ecke in der Gasse verschwand.
Karnov rieb sich genervt mit der linken Hand das Gesicht. Die Rechte hielt einen Revolver, den er ausgestreckt auf das versteinerte Gesicht eines Mannes Mitte Drei├čig gerichtet hatte. Am Boden zwischen ihm und der Taube lag mit lang ausgestreckten Armen der regungslose K├Ârper eines anderen Mannes. Wie der kurzzeitig vorher gefl├╝chtete Mann war auch dieser komplett in schwarz gekleidet. Eine verchromte Pistole schimmerte ein, zwei Meter neben dem regungslosen K├Ârper auf dem nassen Kopfsteinpflaster. Am Kopf des Mannes war eine ├╝ble Platzwunde zu erkennen und seine Nase war praktisch nicht mehr vorhanden. Er lag in einer recht gro├čen Pf├╝tze seines eigenen Blutes.
Karnov winkte den Blick der Taube vom gefl├╝chteten zweiten Leibw├Ąchter weg und zeigte mit seiner linken Hand auf den ausblutenden Mann vor ihm auf dem Boden. Sofort schaute er wieder auf den versteinerten Mann, dem er seine Pistole ins Gesicht hielt. Er sah ihn mit kaltem Blick an. Beide r├╝hrten sich nicht.
Die Taube steckte den ├╝bergro├čen Revolver in seinen G├╝rtel und begab sich zu dem am Boden liegenden Bodyguard. Er packte dessen F├╝├če und begann, ihn ├╝ber den nassen Boden in Richtung des Wagens zu ziehen.
Karnov blickte weiterhin in das Gesicht seines Auftrags. Anhand der Ger├Ąusche verfolgte er die Aktion der Taube. Endlich konnte er wieder ein seri├Âser Profi sein. Ein Ger├Ąusch lie├č ihn aufhorchen.
Auf halbem Weg zum Wagen fing der K├Ârper des blutverschmierten Leibw├Ąchters wild an zu zucken, woraufhin die Taube seine Beine fallen lie├č und mit einem Sprung zur Seite einen seiner Meinung nach angemessenen Sicherheitsabstand einnahm. Karnov verdrehte die Augen und holte h├Ârbar tief Luft.
Der Taubstumme blickte herab auf den zuckenden K├Ârper des Leibw├Ąchters. Schaumiger Speichel sprudelte aus dessen verschlossenem Mund. Offensichtlich waren die beiden Schl├Ąge mit dem Revolverkolben nicht ganz so effizient, wie er sich dies vorgestellt hatte. Er war ein bisschen verdutzt, dass der Typ ├╝berhaupt noch lebte. Er b├╝ckte sich hinunter zu dem Mann und ├╝berlegte wie er sein Opfer endg├╝ltig zum Schweigen bringen k├Ânnte, als er etwas angewidert zur├╝ckschreckte. Er w├╝hlte in seiner Tasche und holte ein Stofftaschentuch hervor, das er auf dem Gesicht des zuckenden Leibw├Ąchters ausbreitete. Besser, dachte er bei sich, stand wieder auf und betrachtete sein seltsam anmutendes Werk regungslos. Das Taschentuch sog sich langsam mit dem Blut des Mannes voll, bis es fast vollst├Ąndig rot war. Er kniete sich wieder zu ihm hinunter. Nach einigen Sekunden schlug er ihm erneut den Kolben des Revolvers ins Gesicht. Man konnte ein leises Quietschen vernehmen, bevor die Taube im Takt acht, neunmal auf das Gesicht des am Boden liegenden Mannes einschlug. Nach einiger Zeit kehrte Ruhe ein. Die Beine des Bodyguards zuckten nicht mehr. Sie sanken zur Seite. Die Taube stand auf, steckte den Revolver hinter sich in seinen G├╝rtel und zog den Leichnam in Richtung des Mercedes.
Karnov holte ein weiteres Mal tief Luft und verdrehte wieder die Augen. Ein Profi, dachte er bei sich. Ich bin ein Profi. Die Aktion, den Leichnam im Kofferraum des Mercedes zu verstauen, kostete die Taube stolze zehn Minuten und einen stark blutenden Daumen, den er sich beim Anheben und Ablegen der Leiche im Kofferraum zuzog, als sich besagter Finger in der G├╝rtelschnalle des Leibw├Ąchters einklemmte.
Wie vorgesehen, verschwand die Leiche letztendlich doch noch im ger├Ąumigen Kofferraum des Wagens. Der Taubstumme knallte sichtlich erleichtert die T├╝r ├╝ber dem Leichnam zu, klatschte zweimal wie nach erfolgreich verrichteter Arbeit in die H├Ąnde und fror inmitten der Bewegung ein, als sich in diesem Moment die Hintert├╝r des Clubs erneut ├Âffnete und eine schlanke asiatische Frau Ende Zwanzig aus dem Inneren des Geb├Ąudes heraustrat.
Als sie den Kopf hob und die beiden Killer bemerkte, froren ihre Bewegungen ebenfals ein. Sie blickte starr auf Karnovs Waffe, die ausgestreckt in das Gesicht des immer noch versteinerten Mannes ragte.
Die Taube schaute verdutzt ├╝ber das Autodach hinweg auf die T├╝r.
Einige Sekunden bewegte sich niemand, bevor Karnov sich entschloss, die Situation auf seine Weise zu entsch├Ąrfen. Ein Blitz erhellte die Gasse und ein lauter Schuss hallte durch die Nacht.

Im Auto.

Die Taube blickte mit der Zunge im Mundwinkel an der schlanken Asiatin herunter. Ihr Rock bedeckte gerade noch so die bleichen Knie. Sein Blick wechselte von ihren Beinen in ihr wei├čes, wunderh├╝bsches Gesicht. Die zwei Linien geronnenen Blutes konnten sie nicht entstellen. Ihre Haut schien aus gl├Ąnzendem Porzellan zu bestehen. Sie hatte sich scheinbar die gr├Â├čte M├╝he gemacht, bei ihrem Date im Club alle Konkurrentinnen auszustechen. Den Ausgang des Abends hatte sie sich aber bestimmt anders vorgestellt, dachte die Taube bei sich.
Sie hatte sich noch keinen Millimeter ger├╝hrt. Seit sie den Club durch die Hintert├╝r verlassen hatte, Karnov den Mann erschoss, ihr mit der Pistole ins Gesicht schlug und der Taubstumme sie auf den R├╝cksitz des Mercedes verladen hatte, bewegte sie sich kein St├╝ck. Ihr Blick war leer und kalt. Nicht mal ein Anzeichen von Panik oder Angst. Leer und kalt. Die Taube war ein wenig beunruhigt. Normalerweise waren ihre Klienten beunruhigt. Viele schrieen vor Angst, so dass er sie bewusstlos schlagen musste. Einige rannten so schnell Hals ├╝ber Kopf weg, dass er nicht mal genug Zeit hatte, seine Waffe zu ziehen. So wie der zweite Leibw├Ąchter, vorhin hinter dem Club. Der Zwischenfall nagte an ihm und er wusste, dass auch Karnov die Sache nicht unter den Tisch fallen lassen w├╝rde. Er wusste aber auch, dass er einen Bonus hatte. Ihm war klar, dass er nur der Assistent war. Karnov war der Boss bei diesem Einsatz und Karnov hatte die volle Verantwortung zu tragen. Er machte sich keine Sorgen um ein eventuelles Nachspiel im B├╝ro. Sein Stolz war lediglich ein wenig verletzt.
Er blickte in die leeren Augen der Frau. Ihre Augen waren unglaublich sch├Ân, dachte er bei sich.

Zwanzig Minuten sp├Ąter.

Karnov das Kinn trommelte mit den Fingern der linken Hand nerv├Âs auf dem Lederlenkrad. Mit der rechten hielt er den Revolver in Richtung der Frau auf dem R├╝cksitz. Er blickte sie kalt an. Sie r├╝hrte sich immer noch nicht. Karnovs Trommeln verstummte. Der Wagen stand mit abgeschaltetem Motor am Stra├čenrand. Der Beifahrersitz war leer. Sie waren nur zu zweit im Auto. Der Umgebung allerdings kam es so vor, als w├Ąre der Wagen leer. Es tat sich nichts. Alles war wie versteinert. Die Stille wurde abrupt zerrissen, als die Beifahrert├╝r ge├Âffnet wurde und die Taube in den Wagen stieg. Er b├Ąumte sein Becken im Sitzen leicht nach oben, verschloss seinen Hosenstall und G├╝rtel, nahm den Revolver vom Armaturenbrett, steckte ihn wieder in die Hose und gl├Ątte sein Jacke. Mit einem Nicken signalisierte er Karnov, dass sein Gesch├Ąft soweit erledigt sei.
Der nahm ihn nicht wahr und starrte weiterhin in den hinteren Bereich des Wagens.
Der Taubstumme langte in seine Jackentasche und zog eine noch verschlossene Zigarettenschachtel hervor. Er ├Âffnete sie und versuchte unbeholfen, eine der Zigaretten ├╝ber dem Handballen herauszuschlagen. Vier waren noch in der Schachtel, der Rest lagt verteilt im Fu├čraum des Wagens. Es dauerte eine Weile, bis er alle eingesammelt hatte, dann drehte er sich herum und hielt die Schachtel seinem Partner Karnov unter die Nase.
Dessen Augen wanderten langsam in Richtung der Taube.
Nach ungef├Ąhr f├╝nf Sekunden war dem klar, dass das wohl ein Nein war. Die Schachtel wanderte zur├╝ck, um sich dann der Frau zuzuwenden. Die Taube setzte sich etwas auf und brachte sich in eine angenehmere Position um auf den R├╝cksitz schauen zu k├Ânnen, winkte mit der Zigarettenschachtel und machte eine anbietende Geste.
Die Frau regte sich nicht.
Es vergingen etwa zehn lange Sekunden und der Taubstumme erkannte ein weiteres Mal ein Nein. Er zuckte mit den Schultern, setzte sich wieder gerade mit dem Blick nach vorn hin und dr├╝ckte auf den Zigarettenanz├╝nder.
Karnov atmete wieder tief durch und rollte die Augen. Mit seiner linken Hand griff er in seine Jackentasche, holte ein Feuerzeug hervor und reichte es ohne hinzusehen hin├╝ber zur Taube. ┬╗Der ist kaputt.┬ź brachte er genervt hervor.
Die Taube blickte verwundert vom Feuer zeug zum Zigarettenanz├╝nder und zur├╝ck, entschied sich dann aber f├╝r das Feuerzeug und l├Ąchelte kurz. Das Handy in Karnovs Tasche blieb weiterhin stumm.

Eine Stunde sp├Ąter.

Die Taube hatte wieder den ├╝bergro├čen Revolver in der Hand und zielte damit auf die Frau auf dem R├╝cksitz. Karnov fingerte an dem Mobiltelefon herum. Er hatte jetzt zum zweiten Mal versucht die Nummer zur├╝ckzurufen. Vergeblich. Zum Kotzen, dachte er bei sich. Was f├╝r ein beschissener Job. Warum musste der Typ auch eine Frau mitnehmen, dachte er. Die Taube hatte in der Zwischenzeit auf Kaugummi umgestellt. Tief in seinem Inneren war er ein Mensch, der gerne teilte und so hatte er wieder versucht Karnov und der Frau eines anzubieten. Wieder vergebens. Der Wagen stand immer noch am Wegrand und Karnov trommelte jetzt, wo auch die zweite Hand frei war, mit allen zehn Fingern auf dem Lenkrad herum. Er trommelte lauter, bis er zwei F├Ąuste ballte und wie ein Verr├╝ckter begann, auf das Lenkrad einzudreschen. ┬╗Schei├če, Schei├če, Schei├če, Schei├če noch mal!┬ź schrie er, griff in seine Tasche nach dem Handy und tippte wie ein Berserker drauf herum. Er hatte in den letzten Stunden dazugelernt und so ben├Âtigte er diesmal nur noch eine Hand, um die Zeile Keine neuen Nachrichten zu lesen. Er schmiss das Handy in den Fu├čraum des Beifahrers. Er hatte ein f├╝r alle Mal die Schnauze voll von diesem Mistjob. Er w├╝rde jetzt den Wagen starten, in irgendein verdammtes abgelegenes Waldst├╝ck fahren, der verdammten Nutte eine Kugel in den Kopf jagen, und die Taube w├╝rde sie vergraben. Ja, so wird es jetzt gemacht, dachte er entschlossen bei sich. Karnov startete den Wagen. Der Motor surrte leise. Im Fu├čraum zwischen den Beinen der Taube surrte ebenfalls leise das Mobiltelefon. Er riss sich vom Lenkrad los und griff ohne R├╝cksicht auf die Taube nach dem Telefon in dessen Fu├čraum. Dieser erschrak und blickte ihn verdutzt an. Karnov nahm das Mobiltelefon, holte tief Luft, schloss die Augen und versuchte sich zu beruhigen. Dann fasste er sich, nahm das Handy fest in beide H├Ąnde und klickte sich vorsichtig durch das Men├╝ zu den neuen Nachrichten. Die Taube wandte sich nun ganz von der Frau ab und blickte ihn erwartungsvoll an. Langsam aber sicher verging auch ihm, aufgrund der miesen Laune seines Partners, der Spa├č an diesem Auftrag. Karnov las die Zeilen. Zweimal. Beide Male bewegten sich seine Lippen:

Frau? Wir dachten K1 w├Ąre in Begleitung eines Mannes. "Setz" sie einfach irgendwo zum "Schlafen" ab!

Karnov blickte verdutzt auf das Display und versuchte die Nachricht zu analysieren. Da das Wort analysieren in seinem Wortschatz nicht vorkam, versuchte er die Nachricht nur zu verstehen. Er blickte auf. Die Taube folgte seinem Blick mit einem erdr├╝ckend gro├čen Fragezeichen ├╝ber dem Kopf. Dabei senkte er unachtsam die Waffe.
In diesem Moment r├╝hrte sich die Frau auf dem R├╝cksitz. Ihre Bewegung war blitzschnell und keiner der anwesenden Killer reagierte angemessen. Sie griff mit einer Hand unter ihren Rock. Riss sich etwas von ihrem Bein und streckte den Arm daraufhin mit einer erschreckend schnellen Bewegung in Richtung des Taubstummen aus. Dieser drehte sich langsam um und blickte in den Lauf einer Pistole, von der Panzerband mitsamt ein paar Hautfetzen herunterhing. Er ├Âffnete den Mund. Die Frau dr├╝ckte ab und mit einem lauten Knall verteilte sich das Gehirn der Taube im Vorderraum des Wagens ├╝ber dem Armaturenbrett und auf der Windschutzscheibe. Karnov schreckte aus seinen ├╝berlegungen ├╝ber die Nachricht des Telefons auf, duckte sich, ├Âffnete blitzschnell die T├╝r und warf sich aus dem Wagen. Er zog seine Pistole und dr├╝ckte sich im Sitzen an die Seitenwand des Mercedes. ┬╗Verdammte Schei├če┬ź, fl├╝sterte er. ┬╗Verdammt, verdammt, verdammt, verdammt!┬ź Er schlug seinen Hinterkopf mit jedem Verdammt gegen den Wagen. Er h├Ârte wie die Hintert├╝r auf der andere Seite des Wagens ge├Âffnet wurde. Sein Kopf schreckte zur Seite, er lud die Waffe durch und blickte sich nach links und rechts um. Er holte tief Luft, atmete dreimal tief ein und aus. Dann warf er seinen K├Ârper auf die Seite, blickte unter den Wagen und streckte die Waffe unter dem Auto in Richtung der anderen Seite aus. Nichts. Sie war noch im Auto, dachte er bei sich. Du kannst mich nicht verarschen, du Nutte! Er zog die Waffe an den K├Ârper zur├╝ck, hielt sie mit beiden H├Ąnden fest an sich gepresst, sprang auf und feuerte drei Sch├╝sse in das Innere des Wagens.
Scheiben zersprangen und tausend kleine Glassplitter verteilten sich im Wageninneren auf den Polstern des R├╝cksitzes. Leer. Der Innenraum war leer. Karnov blickte erst durch und dann ├╝ber den Wagen hinweg auf die Wiese neben der Stra├če. Sie war flach und leer. Weit und breit war dort keine Menschenseele zu erkennen.
Klick machte es im Wagen, als der offenbar doch nicht ganz defekte Zigarettenanz├╝nder aus seiner Fassung sprang. Karnov zuckte zusammen und zielte mit dem Revolver in Richtung der Armaturen. In diesem Moment ber├╝hrte kaltes Metall seinen Nacken. Er ├Âffnete den Mund und sprach ein Wort, das er irgendwann, irgendwo einmal geh├Ârt hatte: ┬╗Kunoichi!?┬ź Ein Schuss zerriss ein weiteres Mal die Stille.
Moment, dachte Karnov kurz darauf bei sich. Die Wiese ist ja gar nicht leer. Da kommt ein alter Mann. Der sah nicht so aus, als wenn ihn irgend etwas k├╝mmerte.

Benoit und das Meer

Benoit starrte aufs Meer hinaus. Meer? dachte er, blickte an sich herunter und bemerkte, dass er auf einer Bank sa├č. Einer Bank an einem Strand. Ein sch├Âner Strand. Wie er hier hergekommen war, wusste er nicht. Versuche, sich an die letzten Stunden zu erinnern, schlugen fehl. Ein seltsames Gef├╝hl, dachte er bei sich und trotzdem f├╝hlte es sich an, als ob er hierher geh├Âren w├╝rde. ┬╗Hallo!┬ź, h├Ârte er eine sanfte Stimme von rechts sagen. Benoit schreckte mit dem Kopf in die Richtung, aus der die Stimme kam. Zu seiner Rechten sa├č ein ├Ąlterer, schwarzer Mann, der ihn freundlich anblickte. Benoit schaute an ihm hoch in sein Gesicht. Er sch├Ątzte ihn auf Ende F├╝nfzig. Der leicht tr├╝be Blick wirkte auf eine seltsame Weise beruhigend. Er war zwar nicht wirklich nerv├Âs, aber falls er es denn werden w├╝rde, w├╝sste er genau, wohin er gucken m├╝sste. Gut zu wissen, dachte er bei sich. ┬╗Hallo?┬ź, wiederholte der Mann, l├Ąchelte und nickte Benoit, dieses Mal in der Hoffnung auf eine Reaktion, leicht zu. ┬╗Hi?┬ź, bekam Benoit abgehackt heraus.
Der Mann war ├╝ber die knappe Reaktion sichtlich erfreut und nickte ein weiteres Mal. ┬╗Sch├Ân, du bist nicht stumm.┬ź
Benoit blickte ihn jetzt etwas verwirrt an. ┬╗Wo genau ... bin ich denn hier?┬ź, fragte er etwas verunsichert.
Der alte Mann blickte ihn rhetorisch fragend an und senkte den Kopf einen Hauch zur Seite. ┬╗An einem Strand?┬ź
Beide starrten sich einige Sekunden an.
┬╗Klar┬ź, Benoit nickte einige Mal leicht in das jetzt etwas befremdlich erscheinende Gesicht des alten Mannes. ┬╗Klar┬ź, sprach er leise zu sich selbst, als er sich wieder ab von dem Mann und hin zum Meer wandte.
┬╗Sch├Ân, mal wieder mit jemandem sprechen zu k├Ânnen┬ź, erwiderte der Mann. ┬╗Ich sitze schon ein, zwei ganze Leben hier und es ist Jahre her, dass ich mal wieder jemanden zum Unterhalten hatte.┬ź
┬╗Haben Sie hier ...┬ź, Benoit stockte und ├╝berlegte beim Reden, ┬╗Haben Sie hier am Strand ein Haus?┬ź, fragte er und blickte ├╝ber seine Schulter in die sandigen D├╝nen, um eventuell so etwas wie eine Ferienwohnung auszumachen. Auch um sich in der jetzt doch recht befremdlichen Situation zu beruhigen.
┬╗Ein Haus?┬ź fragte der alte Mann ungl├Ąubig. ┬╗Nein.┬ź Er lachte. ┬╗Ich sitze eigentlich nur auf dieser Bank.┬ź Er t├Ątschelte die Bank mit seinen H├Ąnden, wie man es mit einem treuen Haustier tat. ┬╗Auf dieser sch├Ânen Bank┬ź, f├╝gte er hinzu.
Benoit blickte auf die Bank, dann zu dem Mann und wieder zur├╝ck in die D├╝nen. Nichts. Kein Haus, keine Stra├če, nicht mal ein Pfeiler, der daran erinnern w├╝rde, dass es hier je Menschen gegeben hatte. Lediglich eine Bank. Die Bank, das Meer und der Strand. Er resignierte und lehnte sich wieder zur├╝ck. ┬╗Aha.┬ź war alles was er herausbekam.
┬╗Vorhin waren bereits zwei M├Ąnner hier┬ź, sagte der alte Mann. ┬╗Aber der eine war taubstumm und der andere war die ganze Zeit ├╝ber am Fluchen.┬ź Er sch├╝ttelte mit dem Kopf. ┬╗Keine guten Gespr├Ąchspartner. Nein.┬ź
Benoit blickte sich am Strand um. ┬╗Wo sind sie denn hingegangen?┬ź, fragte er.
┬╗Hm?┬ź
┬╗Hingegangen. Die beiden M├Ąnner.┬ź
┬╗Oh ... ich wei├č es nicht.┬ź
Benoit blickte ihn recht lange an. Nach einiger Zeit fing er sich und lie├č seinen Gedanken freien Lauf. ┬╗Sie sagten, Sie sitzen hier schon ein, zwei ganze Leben lang rum und sehnen sich nach einem Gespr├Ąch. Dann kamen zwei M├Ąnner vorbei. Gut, der eine war taubstumm, aber der andere, mit dem h├Ątten Sie sich doch unterhalten k├Ânnen.┬ź
┬╗Aber sie sind doch wieder weggegangen┬ź, erwiderte der alte Mann, ┬╗Was h├Ątte ich denn tun sollen?┬ź
Benoit blickte an ihm herunter zu den Beinen des alten Mannes. Er begutachtete sie und fragte dann: ┬╗Sie k├Ânnen nicht mehr laufen, hm?┬ź
Der alte Mann schaute ihn verdutzt an. ┬╗Hm? Oh ... doch. Ich denke schon, dass ich das noch kann.┬ź
┬╗Warum sind Sie dann nicht einfach hinter den beiden M├Ąnnern hergelaufen?┬ź, fragte Benoit mit einem leicht genervten Unterton.
Nervosit├Ąt machte sich auf dem Gesicht des Mannes breit. Er sah aus, als wollte er einen Gedankengang bilden, aber aus irgendeinem Grund gelang es ihm nicht. ┬╗Hinter ...┬ź. Er blickte hinunter auf den Sand. ┬╗Hinterher?┬ź. Einige Sekunden versank er in Gedanken. ┬╗Ich ... ich wei├č nicht. Ist mir gar nicht in den Sinn gekommen.┬ź
Benoit verharrte. Dann nickte er, w├Ąhrend er den Blick nicht von dem Mann abwandte. ┬╗Verstehe.┬ź
Etwa eine Stunde war seit dem Gespr├Ąch vergangen. Benoit, der sich immer noch nicht bewusst war, was um ihn herum geschah, starrte immer noch auf das Meer. Er sa├č immer noch mit dem alten Mann auf der Bank. Einige Gedanken ├╝ber seine Situation hatten sich in der Zwischenzeit versucht zu formen. Aber irgendeine fremde Macht schien sie daran zu hindern, zu klaren Gedanken zu werden. Eine fremde Macht, die ihrerseits einen eigenen Gedanken mitbrachte und kontinuierlich versuchte, diesen in Benoits Geist zu pflanzen. Er blickte auf. Ein ganz kleines bisschen. ┬╗Ich bin tot, oder?┬ź
Der alte Mann drehte sich zu ihm hin, l├Ąchelte und nickte leicht. ┬╗Ich sch├Ątze schon.┬ź
┬╗Wie ...┬ź Benoit versuchte sich an etwas zu erinnern. Vergebens. ┬╗Wie bin ich denn gestorben?┬ź
┬╗Sollte ich das wissen?┬╗ Der Mann zog die Augenbrauen hoch. ┬╗Ich k├Ânnte dir dieselbe Frage ├╝ber mich stellen. Alles was ich wei├č ist, dass ich seit Jahren, seit verdammt vielen Jahren, auf dieser Bank sitze und mich die ganze Zeit ├╝ber nach einem Gespr├Ąch sehne.┬ź
┬╗So richtig unterhalten haben wir uns aber noch gar nicht.┬ź
┬╗Nein, das haben wir noch nicht.┬ź
┬╗Ich bin ein bisschen ├╝berfordert, glaube ich. Mit der Situation, verstehen Sie?┬ź
┬╗Ja, kein Problem.┬ź Der alte Mann nickte aufs Meer hinaus. ┬╗Ich denke, ich habe Zeit.┬ź
┬╗Was ...┬ź, Benoit blickte unsicher zu Boden. ┬╗Was geschieht denn nun mit mir?┬ź
┬╗Ich wei├č nicht. Du bleibst vielleicht mit mir auf dieser Bank sitzen?┬ź
┬╗Wie viele Jahre sagten Sie, sitzen Sie hier?┬ź
┬╗Ein, zwei Leben, denke ich.┬ź
┬╗Ein, zwei ...┬ź, Benoit rechnete im Kopf. Seine Augen bewegten sich. ┬╗Lang. Verdammt lang.┬ź Er blickte den Mann an. ┬╗Darf ich hier eigentlich fluchen?┬ź
Verdutzt schaute der Mann zu ihm r├╝ber. Einen Moment sp├Ąter verstand er. ┬╗Du meinst wegen ... ihm?┬ź
Benoit erkannte die ├╝berzogene Geste und nickte. ┬╗Verstehe. Bl├Âde Idee.┬ź
┬╗Hier interessiert es eigentlich niemanden was du sagst. Das glaube ich zumindest.┬ź
Der mittlerweile vollst├Ąndig resignierte Benoit blickte umher und dann wieder zur├╝ck zum alten Mann. ┬╗Wer k├╝mmert sich denn jetzt um uns?┬ź, er machte eine Geste der Verzweiflung. ┬╗Ich meine, irgendwer oder irgendwas muss uns doch jetzt erkl├Ąren wie es weiter geht. All die Dinge, ├╝ber die man sich als Lebender Gedanken gemacht hat. Der Himmel, die H├Âlle, das Nirwana, meinetwegen auch die Tafel des Odin. Verdammt! Irgendetwas schuldet einem das Leben doch, wenn man tot ist!┬ź
┬╗K├╝mmern?┬ź der alte Mann blickte ungl├Ąubig zu seinem Nachbarn hin├╝ber. ┬╗Hier k├╝mmert sich niemand, schon gar nicht das Leben.┬ź Er schlug sich mit beiden H├Ąnden auf die Oberschenkel. ┬╗Ich denke, mein junger Freund, es wird Zeit, dir die Geschichte von Milan zu erz├Ąhlen.┬ź
┬╗Milan?┬ź Benoit glaubte jetzt v├Âllig dem Surrealen zu erliegen. ┬╗Die Geschichte von Milan?┬ź
Der alte Mann grinste ihn an. Dann erz├Ąhlte er ihm ausf├╝hrlich die Geschichte.
┬╗Verstehe┬ź, sagte Benoit, als der alte Mann mit seiner Erz├Ąhlung fertig war. ┬╗Ziemlich verzwickt unsere Situation, wie es scheint.┬ź
┬╗Ja.┬ź erwiderte der Mann. Er rieb sich mit einem leicht schmerzverzerrten Gesicht seine alternden H├Ąnde. ┬╗Und?┬ź, fragte er nach einiger Zeit. ┬╗Wirst du den Strand entlang gehen?┬ź
Benoit wandte sich wieder von ihm ab und blickte geradeaus auf das Meer. Er blickte auf die Sonne, die im Begriff war unterzugehen. Jeden Moment w├╝rde der gl├╝hende Ball mit seinem untersten Punkt den Horizont ber├╝hren und dann langsam ins Meer tauchen. Ohne das Zischen und den Rauch den man erwarten k├Ânnte. Dann w├╝rde es nicht mehr lange dauern und die Nacht w├Ąre da. Benoit starrte noch einige Sekunden in Richtung Horizont bevor er antwortete. ┬╗Ich denke nicht.┬ź
Der Mann wandte sich von Benoit ab, schaute ebenfalls auf das Meer hinaus und ein L├Ącheln breitete sich auf seinem Gesicht aus. ┬╗Willkommen┬ź, fl├╝sterte er. ┬╗Willkommen an meinem Strand┬ź.

Die Geschichte von Milan

Die Frau lehnte an einer Theke. Einer alten Theke. Eiche, rustikal, sch├Ąbig. Die Frau, weniger rustikal aber trotzdem sch├Ąbig, war ebenfalls alt. Ihre knochigen Beine waren lediglich von Haut bedeckt, die kein Fleisch zu beherbergen schien. Der Damenkasack f├╝gte sich nahtlos in die Anh├Ąufung sch├Ąbiger Objekte in der Umgebung ein. Sie bewegte sich nicht. Sie bewegte sich schon seit einer knappen halben Stunde nicht mehr. Zumindest nicht auff├Ąllig. Ab und an dehnte sich ihr alter K├Ârper, aber diese Nuance durfte man nicht wirklich eine Bewegung nennen. Man konnte es nicht mal sehen. Aber h├Âren. Wie Schmirgelpapier rieben ihre verkrusteten Ellenbogen dabei ├╝ber die alte, rustikale Theke und verursachten ein kratzendes Ger├Ąusch. Der d├╝nne Hals st├╝tzte mit letzter Kraft einen Kopf, der ein bisschen wie ein mit einem Nylonstrumpf ├╝berzogener Totenkopf aussah. Die Haare konnten sich nie richtig entscheiden, ob sie nun prim├Ąr filzig, farblos, kaputt oder einfach nur sch├Ąbig wie der ganze Rest wirken wollten. Man k├Ânnte meinen, all das k├Ąme von einem bewegten, schweren Leben, das vom Schicksal bestimmt von einer Notlage in die n├Ąchste eilte und so ├╝ber eine nicht enden wollende Zeit mit Narben der Verzweiflung versehen wurde. So sah das auch die alte Frau. Das Leben aber verstand sich nur selten mit dem Schicksal und trieb diese k├Ârperliche Entwicklung nur zu einem Zweck voran. Sie diente lediglich der Desensibilisierung, eine Art Schutzma├čnahme, um eventuelle Betrachter auf den schrecklichen Moment vorzubereiten, der sich ihnen darbot, wenn sie an der Frau hoch in ihr leidgepr├Ągtes Gesicht blickten. Was es in diesen Momenten war, wonach das Gesicht der Frau schrie, wusste auch das Leben selbst nicht. Vielleicht war das der Grund, warum es sich jetzt, so kurz vor dem Ende der Frau, etwas besch├Ąmt von ihr abwandte, um sie fortan einfach auf sich allein gestellt im Stich zu lassen. Soll sich doch der Tod mit ihr rumschlagen, dachte sich das Leben. Wem es gelang, etwas genauer hinzusehen, vorbei an der Leere, der interpretierte den erb├Ąrmlichen Ausdruck in ihrem Gesicht ab und an als eine Art Schrei nach einer geh├Ârigen Tracht Pr├╝gel. Eine geh├Ârige Tracht Pr├╝gel durch eine Hand, so alt und so sch├Ąbig wie die Frau selbst.

Neben ihr, hinter der Theke, war diese Hand. Und sie geh├Ârte Milan, ihrem Ehemann. Ihm geh├Ârte auch die sch├Ąbige Theke und der Rest der Einrichtung. Zumindest glaubte er das. Milan bewegte sich ebenfalls nicht. Er blickte starr nach vorne, immer bem├╝ht, nicht aus Versehen in die Richtung zu schauen, in der er seit nun gut Vierzig Jahren jeden Tag seine Frau an der Theke lehnen sah. Er bekam, wenn er dies doch tat, immer so eine Lust, ihr eine ordentliche Tracht Pr├╝gel zu verpassen. Nicht dass es ihm danach leid tat, aber es machte einfach nicht mehr soviel Spa├č wie fr├╝her. Milan war nicht knochig. Ganz im Gegenteil. Er war kr├Ąftig. Und fett. Aus seinem verschwitzten wei├čen Unterhemd quollen behaarte Oberarme, die verschr├Ąnkt vor seinem fetten Bauch ruhten. Sein aufgedunsenes Gesicht und die wenigen schmierigen Haarstr├Ąhnen, die sich noch auf seinem ansonsten kahlen roten Kopf befanden, strahlten vor allem eins aus: nichts. Hinter seinen glasigen Augen, tief im Inneren seines Sch├Ądels, wo irgendwann vor geraumer Zeit mal so etwas wie ein Gehirn untergebracht war, r├╝hrte sich ebenfalls nichts. Die bisher eigenst├Ąndigste Leistung dieses Organs war es, den Pachtvertrag der Kneipe, die urspr├╝nglich einmal dem Vater seines Besitzers geh├Ârte, durch eine Unterschrift zu verl├Ąngern.
Ab und an, wenn man genau hinschaute, sofern man das ├╝berhaupt wollte, w├╝rde man bemerken, dass sich in den grauen Zellen die alten mit Spinnweben besetzten, eingerosteten Zahnr├Ąder doch den einen oder anderen Millimeter bewegten und die vergilbten Windungen seines Unterbewusstseins einen mikroskopisch kleinen neuronalen Reiz hervorbrachten, der Teilen des restlichen K├Ârpers mit einem gequ├Ąlten Seufzen mitteilte: einatmen. Ganz selten, vielleicht alle dreimal, war die Kernaussage des Reizes auch ausatmen. Milan atmete aus. Durch die Nase. Wie ein Stier. Nicht das er jemals einer war. Auch nicht, wenn er mal wieder seine Frau verpr├╝gelte, weil er irgendwie das Verlangen versp├╝rte, nachdem er sie aus Versehen angeschaut hatte. Da sie sich schon nach dem zweiten Mal nicht mehr gewehrt hatte, war es gar nicht n├Âtig, zu einem zu werden. Er atmete also aus. Schwer. Die Zahnr├Ąder kamen unter Kr├Ąchzen und Seufzen zum Stehen. Mit einem einzigen Gedanken. Dem, sich hoffentlich nicht noch einmal bewegen zu m├╝ssen. Das hofften sie jetzt aber schon seit gut Sechzig Jahren und wenn imagin├Ąre Zahnr├Ąder so etwas wie gesunden Menschenverstand h├Ątten, dann h├Ątten sie wohl schon vor Neunundf├╝nfzigeinhalb Jahren damit aufgeh├Ârt. Da sie so etwas aber nicht besa├čen, hofften in diesem Moment einfach wieder unz├Ąhlige der kleinen imagin├Ąren R├Ądchen auf die Erl├Âsung durch den Tod.
Milan selbst war bereits tot. Nicht physisch gesehen. In dieser Hinsicht war sein Zustand lediglich extrem beschissen. In seiner Psyche allerdings, sofern es sie noch gab, bewegte sich eben genau gar nichts mehr. Besser gesagt, es hat sich auch nie etwas bewegt. Und das lag nicht mal an der sch├Ąbigen Frau. Oder an dem sch├Ąbigen Lokal, das in letzter Zeit nur hin und wieder mal von Individuen, die nach einer M├Âglichkeit zu telefonieren fragten, besucht wurde. Letzteres verstand Milan eh nicht. Er musste noch nie jemanden anrufen und ganz selten klingelte es mal in seinem Laden. Dann ging immer seine Frau ran und seufzte ein paar Mal in den H├Ârer. Das reichte f├╝r ihn, um zu verstehen, dass Telefonieren keine gute T├Ątigkeit war. Was es wirklich war, warum Milans Psyche so leer war wie die Flasche Schnaps an seinem Nachtschrank, war ihm unbekannt. Nicht dass er nach einem Grund gesucht h├Ątte. Nein. Er starrte einfach den lieben langen Tag durch die Gegend und wunderte sich nicht einmal, dass er keinen Lebensinhalt hatte. Aus purer Langeweile besoff er sich in regelm├Ą├čigen Intervallen und verabreichte seiner sch├Ąbigen Frau hin und wieder eine ordentliche Tracht Pr├╝gel.
Wie auch in diesem Moment, als er in einem winzigen Augenblick einmal nicht aufgepasst hatte und in das heruntergekommene Gesicht der Frau blickte, die mit ihren flehenden Augen f├Ârmlich um die Schl├Ąge bettelte. Erfolgreich.
Wenn man sich jetzt fragt, was sich das Leben wohl dabei dachte, Milan keinen Inhalt seiner selbst gegeben zu haben, so muss man zugeben, dass die extreme Formung seiner Frau, hin zu einem bemitleidenswert abscheulichen Wesen, wohl die ganze Aufmerksamkeit von ihm abgelenkt hatte. Nicht einmal an die ├╝bliche Alibil├Âsung f├╝r Verlierertypen, der Suche nach dem Lebensinhalt auf eigene Faust, hatte auch nur irgendjemand der Verantwortlichen gedacht. Aber die Verantwortung war noch schlechter auf das Leben zu sprechen als das Schicksal und redete sich gerne mal mit letzterem raus. Jetzt, da das Leben die Frau mehr oder weniger dem Tod ├╝berlassen hatte, war es nat├╝rlich aufgefallen, dass da noch jemand die ganze Zeit hinter der Theke stand. Diesem verkorksten Etwas jedoch jetzt noch auf die Schnelle so etwas wie Lebensinhalt einzuhauchen, dazu bedarf es wohl eher der Wunder des ├╝bernat├╝rlichen, dachte sich das Leben und legte auch die Akte Milans in die Ablage Tod. Seine harten Schl├Ąge klatschten dumpf, aber wirkungsvoll, in einem gleichm├Ą├čigen Takt in das sch├Ąbige Gesicht seiner Frau und das monotone Ger├Ąusch unterstrich die Szenerie wie die Pauken den Weg eines Sterbenden ins Licht.
Milan blickte herunter auf den leblosen K├Ârper seiner Frau hinter der Theke. Er dachte daran, dass es jetzt vielleicht besser w├Ąre, diesen Ort zu verlassen. Er zog die speckige Lederjacke ├╝ber seine Schultern und ├╝ber den wulstigen R├╝cken, ├Âffnete eine Schublade in der Theke und nahm Wechselgeld heraus. Dabei fiel sein Blick auf einen Revolver, der seit Jahren an diesem Platz aufbewahrt, aber nie benutzt wurde. Einige Minuten lang blickte er starr auf die Waffe. Er dachte daran, dass es jetzt vielleicht Zeit f├╝r das gro├če Finale w├Ąre. Noch einige Minuten war sein Blick auf die Pistole gerichtet, dann nahm seine Hand die Waffe und seine m├╝den Beine machten sich auf, das Lokal zu verlassen. Er dachte daran, noch einen trinken zu gehen. Ja. Als eine Art kr├Ânender Abschluss. Er schritt langsam, ganz langsam, in Richtung T├╝r.
In diesem Moment kroch eine Schabe an der ├Ąu├čersten Kante der Theke empor und vielleicht war sch├Ąbig im Zusammenhang mit Milan, seiner Frau und deren Hab und Gut doch nicht das richtige Adjektiv. Das Insekt wirkte im abscheulichen Gesamtbild der Szene wie eine wundersch├Âne, bl├╝hende Blume auf einer ansonsten trockenen und hoffnungslos verdorrten Wiese.

Ende?

Noch nicht ganz. Ich verstehe, wenn Ihnen jetzt nicht gerade nach Lachen zumute ist. All die toten Menschen, der Schmerz und die Gewalt. Furchtbar. Aber kein Grund ersch├Âpft vor der Ignoranz des Lebens zu resignieren. Im nun folgenden letzten Kapitel stirbt garantiert niemand mehr. Versprochen!

Es war ruhig im Auto. Wie immer. Er bewegte sich nicht. Konnte sich nicht bewegen. Wie immer. Pl├Âtzlich presste ihn jemand mit Gewalt nach unten. Er wollte sich wehren, aber es war aussichtslos. Er konnte sich anstrengen, wie er wollte. Er hatte keine Chance. Er wollte laut schreien, aber es gelang ihm nicht ... wie immer. Sein Gesicht ber├╝hrte Metall. Kaltes Metall. Er wusste, es w├╝rde nicht so bleiben. Wie immer. Er war angespannt. Er wartete. Da! Da war sie wieder, die Hitze! Erst war es eine wohltuende W├Ąrme, die sich sanft ├╝ber seinen Wangen ausbreitete. Er sp├╝rte sie, die hinterh├Ąltige, wohltuende W├Ąrme. Er wusste, es w├╝rde nicht so bleiben. Es wurde hei├čer. Er rang nach Luft. Es gelang ihm nicht. Wie immer. Die W├Ąrme wandelte sich zu brennend hei├čer Hitze. Flammen, die scheinbar direkt aus der H├Âlle emporstiegen. Sein Gesicht r├Âtete sich. Es roch verbrannt. Er verbrannte. Wie immer. Der Schmerz wurde unertr├Ąglich, er wollte schreien, was er nicht konnte. Er wollte davonrennen, was er nicht konnte. Er wollte sterben, was er nicht konnte. Es machte Klack. Jemand nahm den Zigarettenanz├╝nder aus der Fassung und steckte sich eine Zigarette an. Der Zigarettenanz├╝nder wollte weinen, aber er konnte nicht. Wie immer.
Die Frau f├╝hrte die Zigarette an ihre Lippen und nahm einen ersten tiefen Zug. Sie blickte ├╝ber den Mercedes auf die Wiese, pustete den Qualm in die Luft und verharrte einige Sekunden, bevor sie einen weiteren Zug nahm. Die Zigarette flog hinter ihr auf die Stra├če, wo der Wind die Funken des Aufpralls in die Luft wehte. Sie entfernte langsam, fast gen├╝sslich die Reste des Panzerbands von ihren Beinen und verzog dabei keine Miene. Sie stieg an der Fahrerseite in den Wagen, entfernte dort Splitter von Glas und Reste von Gehirn, bevor sie sich setzte und hinter dem Lenkrad Platz nahm. Sie verstellte kritisch den R├╝ckspiegel und steckte den Zigarettenanz├╝nder zur├╝ck in seine Halterung. Der Motor sprang an und zerriss die Stille. Die rechte Hand am Steuer, versuchte die Frau mit der Linken das geronnene Blut unter ihrer Nase wegzukratzen. Kleine Schorfbrocken fielen auf ihre blassen Beine und wanderten von dort weiter in den Fu├čraum des Wagens. Sie blickte entschlossen nach vorne auf die Stra├če. Ihre mit Blut verschmierten Finger griffen in die Rocktasche. Eine silberne Kette kam zum Vorschein. Sie hielt sie fest in ihrer geballten Faust. Das kleine silberne Pl├Ąttchen mit verziertem Rahmen blitzte in der Sonne. Sie dr├╝ckte die Kette fest an ihre Brust, presste die Z├Ąhne aufeinander und schloss f├╝r einen kurzen Moment die Augen. In diesem kurzen Moment schien sie ihre Fassung um ein Haar zu verlieren. Ihre Augen ├Âffneten sich. Das Auto gewann an Fahrt und nach wenigen Minuten verschwand es von der Bildfl├Ąche. Stille.

Ende.

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