Die Wunde schmerzt immer noch. Und erinnert an jenen Tag. Jener Tag, als sie starb und ich aus dem Fenster des Schlosses geflogen bin. Oder besser: geflogen wurde. Die Zigeuner von Bower Lake haben mich zusammengeflickt und dann stand ich da. Held nannte mich Theresa. Held hat mich auch Lucien genannt. Bevor er auf mich schoss.
Ich ein Held? Wohl kaum. Viel zu verlockend war das Böse in Albion. Schon damals, als wir auf der Suche nach fünf Goldstücken für die verfluchte Musikdose waren, die angeblich magische Fähigkeiten hätte und einem jeden Wunsch erfüllen könne. Damals habe ich das Gold auf weniger ehrliche Weise zusammen bekommen. Angeblich habe ich damit sogar einigen Kriminellen in Bowerstone einen Gefallen getan und bin dafür verantwortlich, wie es dort heute aussieht. Dunkle Gassen, Prostituierte, Bettler, düstere Gestalten. Keine kleinen hübschen Häuschen mit netten Vorgärten.
Schön früh kam ich mit dem Gesetz in Konflikt und es dauerte nicht lange, bis mich Theresa das erste Mal aus einem großen Schlamassel retten musste. Mein Hund “Ye Olde Mutt” und ich hätten sie alle erschlagen, aber Theresa erzählte mir von den Helden, die ich aufsuchen und zu ihr geleiten sollte. Helden? Pah! Albion hatte soviel Besseres zu bieten. All die feinen Häuser und Stände auf dem Bowerstone Marktplatz zum Beispiel. Dort konnte ich dank meiner Gerissenheit schnell an Gold gelangen. Ich stahl das Gold aus den Kassen der Händler und raubte das Hab und Gut reicher Leute. Bis ich eines Tages von einem Hausbesitzer erwischt wurde. Diesmal war Theresa nicht zur Stelle, mir einen Rat zu geben. Und ich regelte die Situation auf meine Weise. Mein erster Mord.
Schon bald wurde ich immer kaltblütiger. Ich stahl, mordete und konnte mich bald nur noch in den Randgebieten der Stadt aufhalten. Dank des korrupten Systems gelang es mir allerdings gegen Geld meine Freiheit zu erlagen. Freiheit, mich überall in Albion bewegen zu können. Auch wenn die Leute Angst vor mir hatten und meistens wegliefen. Lediglich mein Hund Mutt war immer an meiner Seite. Oftmals fand er für mich sogar alte Schätze, die mir zusätzliches Gold einbrachten. Ein guter Freund.
Irgendwann wurde die Gesellschaft der Assassinen auf mich aufmerksam. Meinen ersten Auftrag in den Slums von Bowerstone erledigte ich mit Bravour und kassierte sehr viel Gold dafür. Der Weg für eine gewinnbringende Karriere war geebnet. Immer mehr Menschen in Bowerstone und Umgebung verschwanden. Immer mehr Gold häufte sich in meinem Geldbeutel an. Warum sollte ich mich mit dem Schmieden von Schwertern herumplagen, Holz hacken oder in der Kneipe aushelfen, wenn das Geld so einfach verdient werden konnte.
Das Kennenlernen einer Frau war weit schwieriger. Lag es vielleicht an den Hörnern, die mir mittlerweile gewachsen waren? An den Tätowierungen im Gesicht und an meinem wulstigen Bauch? Meine erste Frau verweigerte sich mir. Ich opferte sie dem Tempel des Schattens, denn Cornelius der Abt sagte, die dunkle Seite wäre die Zukunft. Er musste Recht gehabt haben. Das sah ich an meiner Geldbörse. Meine zweite Frau verstand mich weit besser und ich hielt fortan Abstand zum Tempel des Schattens. Meiner Arbeit für die Assassinen Gesellschaft ging ich weiter nach. Meine Frau hatte Angst, aber ich versicherte ihr, alles wäre in bester Ordnung. Wir kauften uns ein herrliches Häuschen in Bowerstone und sie bekam ein Kind von mir. Bert. Ich hielt den Namen für albern, aber die Nachbarn waren entzückt. Alles war wunderbar.
Bis ich eine weitere Frau kennenlernte und diese anfing mit mir zu flirten. Ich wurde schwach und ging eine weitere Ehe ein, die ich vor meiner zweiten Frau geheim hielt. Aber es lief alles anders als geplant. Und so wurden die Gespräche zwischen mir und meiner dritten Frau schroffer. Ich kümmerte mich mehr um meinen Job und meine zweite Ehe. Irgendwann wollte sie sich von mir scheiden lassen. In meiner Ehre gekränkt kam der Hass in mir hoch. Ich führte sie zur alten Eiche in Oakfield und beendete die Ehe auf meine Weise. Alles war wieder wunderbar.
Bert wuchs prächtig heran und meine zweite Frau und ich verstehen uns bis heute sehr gut. Gestern dann nahm ich einen weiteren Job für die Assassinen Gesellschaft an. Nichts Großes. Ben der Händler hatte sich irgendwo mit jemanden angelegt, mit dem er sich hätte besser nicht angelegen sollen. Die Begründung auf dem Blatt Papier, das mir Mr. Blank von der Gesellschaft übergab, war fadenscheinig. Ich fand Ben in Oakfiled vor der Sandgoose Kneipe. Er saß friedlich auf einer Bank. Wir kamen ins Gespräch und ich teilte ihm mit, er müsse mir unbedingt folgen. Das tat er und wir suchten ein altes verlassenes Häuschen weit ab vom Treiben in Oakfield auf. So wie ich es schon viele Male davor getan habe. Als mich Ben fragte, was wir in diesem gottverlassenen Haus denn wollen, zog ich meinen Sechs-Schuss-Revolver und erklärte es ihm. Als der Schuss fiel und Ben getroffen zu Boden fiel, schrie er wie ein kleiner Junge. Ich war geschockt. Verwirrt blickt ich um mich und sah ihn. Den kleinen Jungen, der sich hinter mir zwischen zwei Schränken in dem Haus versteckt hatte. Er lief schreiend davon. Ich starrte zur Tür. Und musste an Bert denken.
Vielleicht wäre es jetzt an der Zeit, die Helden für Theresa zu suchen. Und vielleicht ist das Schmieden doch keine so schlechte Arbeit.
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Sehr cool geschrieben.
Muss man dir lassen :).
Ist einfach saugut geworden. Bleib dran und kultivier das – und irgendwann musst du ja auch dein nächstes Buch schreiben. :)