Virales Marketing hat heute im Web 2.0 nur noch den Sinn, Werbung intelligent aussehen zu lassen und diese einer breiteren Masse zukommen zu lassen. Gut zu erkennen am aktuellen Beispiel Cloverfield von Lost Macher J.J. Abrams. Mit geschickt platzierten kurzen Filmchen auf den Internetplattformen YouTube und Konsorten erreicht man auch die potentiellen Zuschauer, die aus verschiedenen Gründen das Kino längst aufgegeben haben. Ihre ursprünglich primäre Bestimmung, ein Mysterium aufzubauen und Diskussionen zum Film vom Zaun zu brechen, wird nebenbei noch mitgenommen. Und dann sitzt der geneigte Zuschauer im Kino und weiß dank zurückhaltender Eigenrecherche eigentlich nur, dass ihn ein Monsterfilmexperiment erwartet. Ein Experiment, dem man in diesem Fall ruhig optimistisch gegenüberstehen darf.
Sofern man sich nicht daran stört, dass der Film komplett mit Handkamera gedreht wurde. Anfangs eine arg wackelige Angelegenheit, die sich nach anfänglichen Extremen glücklicherweise schnell fängt und später nur noch bei passenden Gelegenheiten Aktionen authentisch aus dem Fokus verliert. Relativ intelligent und unaufdringlich nutzt der Film Zeit, die der Zuschauer benötigt, um sich an diese Kameraführung zu gewöhnen, um seinen Charakteren die nötige Tiefe zu verleihen, die es braucht, um ihnen über die gesamte Zeit des Films zu folgen. Mit ihnen durch die Hölle zu gehen.
Der Film überstürzt nichts und nimmt sich Zeit, den Zuschauer in falscher Sicherheit in Form einer Partyszene zu wiegen. Von seichten Problemen des Protagonisten in die Irre geführt, schlagen die Geschehnisse dann von einer Sekunde auf die andere um. Der Zuschauer fühlt sich regelrecht wachgerüttelt und sieht sich abrupt einer Steigerung der Handlung, die innerhalb von Minuten ihren Höhepunkt erreicht, gegenüber. Plötzlich sitzt er mit den Protagonisten in der ersten Reihe der Hölle.
Vergleiche zum Blair Witch Project wurden bereits im Vorfeld aufgrund der viralen Marketingkampagne und der Handkamera laut. Parallelen gibt es bis auf die Kameraführung aber eigentlich kaum. Im Gegenteil. Während das Hexen Projekt von Daniel Myrick und Eduardo Sánchez mit dem Grauen im Off spielt, stellt Cloverfield den Zuschauer bereits nach kurzer Zeit vor vollendete Tatsachen. Die Kamera hält bis auf einige Momente die komplette Geschichte lückenlos fest. Charaktere verschwinden nicht etwa auf mysteriöse Weise. Ihre Schicksale spielen sich zu jeder Zeit vor den Augen des Zuschauers ab. In ihrer ganzen emotionalen Härte.
Eine weitere Stärke des Films sind die Spezialeffekte, die sich mit der Pseudo-amateurhaften Kameraführung nicht etwa beißen, sondern diese spektakulär realistisch wirken lassen. Wenn hier richtig aufgefahren wird, pressen einen neben den wackeligen Bildern noch ein Feuerwerk an Zerstörung, Aggressivität und eine ohrenbetäubende, übersteuerte Tonspur in den Kinositz und bescheren ein Filmgefühl der Extraklasse. Bis zum Ende, wenn die an Monsterklassiker des frühen Kinos angelehnte Ouvertüre “Roar!” zum Abspann ertönt und uns daran erinnert, dass andere Filme einen Soundtrack brauchen. Und sicherheitshalber nochmal klar stellt, was wir gerade gesehen haben: eine neue Form des Monsterfilms.
Mehr noch. Cloverfield ist für mich der bis dato beste Monsterfilm. Ein Genre, dass eine Revolution bitter nötig hatte, hat diese bekommen. So unkonventionell wie überzeugend. Eine echte Überraschung.
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